Kulturelle Business-Sabotage: Was Online-Marketing, Moral™ und Diskriminierung miteinander zu tun haben

(to read this in English: click the lil‘ flag icon in the menue to the left)

 

Kürzlich habe ich mit einer Schwester gesprochen. Sie betreibt eine Publikation, die Kultur, Konzeptkunst und Literatur mit nachhaltiger Lebensweise kombiniert. Die Publikation ist beliebt und viele Medien haben sie aufgegriffen. Vor kurzem tauchte aber das Gerücht auf (das auf einen Kerl zurückzuverfolgen ist, der enorm viel institutionelle Macht besitzt), dass sie „abgehoben“ und „eingebildet“ wäre. Nun, in ihrem speziellen Fall ist das blanker Unsinn. Sie weiß das, ich weiß das, und alle, die ihre Arbeit kennen und verfolgen, können es erkennen. Die Verleumdung hat sie dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – getroffen. Und mich mit.

 

Als erstes musste ich an Toni Morrisons Worte denken:

»Die Funktion, die ernsthafte Funktion von Rassismus ist, dein Werk zu unterbrechen.. Dich von der Arbeit abzuhalten. Immer wieder deine Daseinsberechtigung zu verhandeln, immer wieder von vorne. …«1

 

Mir hilft dieses Wissen eigentlich nur, wenn ich daraus Konsequenzen ziehe. Daher dieser Artikel.

 

Mit einer gewissen Präsenz gibt es die bösartigen Gerüchte gratis dazu. Das ist bekannt.

 

Aber es gibt eine spezielle Gattung bösartiger Gerüchte, die gegen Schwarze Frauen*Inter*Trans* reserviert ist. Sie geht so: „Du schießt über das Ziel hinaus. Du weißt wohl nicht, wo dein Platz ist. Dass du offen unabhängig, strahlend und positiv bist, nenne ich Eingebildetheit. Bediene stattdessen meine Interessen und mache dich kleiner als du bist. Jetzt gleich, oder ich werde dich dazu bewegen.“

 

Als Schwarze Mädchen* bekommen wir beigebracht, dass wir Jungs und Weiße nicht in den Schatten stellen sollen. Deren Ego ist einfach wichtiger als unseres. Wir lernen, dass wir unser Tun und Können verstecken und kaschieren, und dazu Diplomatie und Zurückhaltung üben sollen. Die Tugend „Bescheidenheit“ wird dafür verdreht, dass wir uns selbst klein halten. Bescheidenheit ist aber nur positiv, wenn sie freiwillig ausgeübt wird – und nicht, wenn sie als Unterdrückungsinstrument dient.

 

Wir wissen, dass wir bessere Arbeit leisten müssen, um Anerkennung zu bekommen. Aber wir werden gemaßregelt, sobald wir hervorragende Arbeit offen zeigen.

 

Für eine Gruppe ist der einseitige Bescheidenheitszwang besonders fatal:

Für die Sisters*, die einen Onlinebusiness haben.

 

Zum ersten Mal seit Menschengedenken haben die, die kaum Chancen hatten, an den oldschool (lies: rassistischen, sexistischen) Türstehern vorbei in den Club der Publizierenden und künstlerisch-Unternehmerischen zu gelangen, heute die Möglichkeit, ihre Angebote, Kunst, Philosophie, Literatur, Produkte… selbst zu veröffentlichen und davon zu leben. Wenn wir genügend Menschen erreichen, können wir diejenigen finden, für die unser Angebot einen Mehrwert darstellt, und für diese Menschen selbständig und unabhängig produzieren. Das ist gut und machtvoll. Die Interessierten-in-spe, unsere Leute, können wir nicht erreichen, wenn wir unsere Arbeit nicht mit Freude vorstellen.

 

Die Verleumdung, „abgehoben“ zu sein, „eingebildet“, „angeberisch“, „egozentrisch“, „penetrant“, etc. hat zum Ziel, uns zu hemmen und unseren Mut zu untergraben, der für erfolgreiches Business notwendig ist: Menschen wissen zu lassen, dass wir stolz auf unsere Produkte sind. Dass wir hoffen, dass sie vielen Leuten gefallen. Dass wir unsere Arbeit mit Hingabe tun. Freundlich daran zu erinnern, dass es unsere Angebote gibt. Unsere Sachen offen anzubieten. Das sind alles wichtige Voraussetzungen. Wenn ich online veröffentliche oder verkaufe, geht es nicht klar, meine positiven Gefühle, die ich über meine Arbeit empfinde, zu verstecken.

 

„Du bist eingebildet, gib nicht so an“ lässt sich übersetzen als: „Du sollst keine professionelle und erfolgreiche Unternehmerin sein“.

 

(Mehr als Verleumdung bleibt den Würstchen, die zur Diffamierung greifen, auch nicht übrig. Denn niemand außer uns selbst kann uns daran hindern, zu veröffentlichen.)

 

Es gibt dabei noch ein zweites Problem, und das ist folgender Aberglaube der deutschen ‚linken‘ Kultur: Alles, womit sich Geld verdienen lässt, verdient einen Mißtrauensvorschuss. Eigene Produkte professionell aufzubereiten und für Geld anzubieten, ist unmoralisch und immer mit einem Haken versehen. Marketing ( = öffentlich wirksam anzubieten) ist unanständig. Finanzieller Erfolg ist bäh und sollte auf keinen Fall angestrebt werden.

 

Ich weiß, woher diese Denke kommt. Ich verstehe es. Es passiert, wenn Kapitalismuskritik nicht begriffen, sondern nur nachgeplappert wird – und sich dadurch in das genaue Gegenteil dessen pervertiert, was sie eigentlich meinte. Wenn das Resultat ist, dass die verwundbarsten Menschen unserer Gesellschaft „abgehoben“ genannt werden, sobald sie Freude und Stolz über ihre unabhängige kreative Arbeit zeigen, und durch sie ein wenig mehr Autonomie erwerben, ist unterwegs etwas gewaltig schief gegangen. Wenn das Kapitalismuskritik sein soll, hat sie ein ernsthaftes Peilungsproblem.

 

Nicht zu vergessen, dass diese Sichtweise im künstlerischen und publizistischen Bereich zur Folge hat, dass auch weiterhin nur Menschen mit reichen Eltern als echte Künstler™ gelten, weil sie ja den schnöden Mammon angeblich nicht ihre wichtige Kunstproduktion kompromittieren lassen (das beschränkt sich freilich rein auf die Außenperformance).
Es ist leicht, mit Minimalismus zu kokettieren, wenn Papa monatlich die Miete überweist .

 

Dass die so vorgenommene Klassenverdrehung auch die Kunstproduktion per se beschädigt, ist überaus ärgerlich. Es ist nicht schön, mitansehen zu müssen, wie irrelevant die präsentesten Produktionen oft sind. Weil sie sich halt vor allem an die Interessen und Wahrnehmungen der Leute richten, an die sich sonst auch schon alles richtet.

 

(Exkurs: Mir ist aufgefallen, dass in aktuellen Kunst-Cliquen, die den Begriff „moralisch“ tatsächlich regelmäßig als abwertend benutzen, durchaus starke Moralkorsette präsent sind. Die sind allerdings überwiegend reaktionär.  „Moralisch“ machen sie dort lächerlich, weil ansonsten eine Reflektion ihres eigenen Handelns verlangt werden könnte, fordern aber gleichzeitig von Unterdrückten alle Aufmerksamkeit, Selbstlosigkeit, Kekse und Sympathie. In solchen Räumen, die sich häufig selbst als „progressiv“ verstehen, werden Werte wie Überleben, Empowerment und Umsicht zynisch belächelt – „ohgott nein, das ist ja moralisch!“ – weil es ihnen halt zu gut geht.)

 

Doch zurück zum eigentlichen Thema.

 

Marketingfeindliche Generalnegativität, die sich auf unabhängiges Schwarzes Schaffen ergießt, ignoriert auch eine ganz einfache Tatsache: Mehr Aufmerksamkeit für gute Sachen ist etwas gutes!

 

Weiße Supermarktbesitzer (/Maler/Regisseure, usw…) und Schwarze Unternehmerinnen* oder Künstlerinnen* werden nicht mit denselben Maßstäben gemessen. Es gelten nicht die gleichen Regeln, wann wir öffentlich „zurückhaltend“ sein sollen, welche Kommunikation bei uns als „zu viel“/“eingebildetsein“ wahrgenommen wird (und Sanktionierung zur Folge hat), und auch nicht, wie elegant und dezent wir zu sein haben, wenn wir unsere Wünsche, Hoffnungen und Erfolge mitteilen. So lange das so ist, ist die Anmahnung zu „mehr Bescheidenheit“ an speziell uns vor allem dazu da, unsere Erfolgsaussichten zu behindern, sprich: die Unabhängigkeit Schwarzer Frauen* aufzuhalten.

 

Für mich als freiberuflich tätige Person ergibt sich daraus, dass ich insbesondere darauf zu achten habe, dieser gesamtgesellschaftlichen ‚Weisung‘ nicht zu folgen.

 

 

Verwandelt mangelnde Bescheidenheit mich in eine Bedrohung von godzillaschem Ausmaß?

 

Einigen kommt es womöglich subjektiv so vor. Nicht wenige Menschen verlieren bereits die Nerven, wenn eine Schwarze Frau* sich nicht freiwillig klein macht. Das ist aber einer diskriminierungsfreieren Zukunft nicht hilfreich und soll mich daher nicht kümmern.

 

Mein Business ist nicht Understatement, um negative Menschen nicht einzuschüchtern.
Mein Business ist, zu wachsen und zu ermutigen. Neue Möglichkeiten zu finden und zu eröffnen, indem ich selbst neue Dinge tue und teile.

 

 

Liebe Sisters*, lasst mich in den Kommentaren hier oder auf meiner Facebookseite wissen:


Auf welche Eurer Erzeugnisse seid Ihr am stolzesten? 
Wie geht Ihr mit kultureller Sabotage um? Wie emanzipiert Ihr Eure unternehmerischen Projekte? Womit ist schwer umzugehen? Was habt Ihr überwinden können?

 

 


1            Toni Morrison 1975 http://www.goddessblogs.com/2014/08/toni-morrisons-1975-lecture-on-race.html

 

* Das Beschriebene gilt sicher noch erheblich mehr für Schwarze Menschen, die als Inter* oder Trans* gelesen werden! Für die kann ich aber nicht sprechen.

*

 

5 Comments
  • „Es gibt dabei noch ein zweites Problem, und das ist folgender Aberglaube der deutschen ‚linken‘ Kultur: Alles, womit sich Geld verdienen lässt, verdient einen Mißtrauensvorschuss.“

    Vielen Dank Noah! Du sprichst mir aus der Seele (wobei ich als cis-Mann nicht in Deine Targetgroup gehöre)!
    Dieses (linke) Problem ist mir (in der Maske der Rechtschaffenheit) schon so häufig begegnet.

    Scheinbar hat man weniger Probleme damit, wenn ich für Mindestlohn bei einem Multi Schichten schiebe,
    als wenn ich versuche mit meinen eigenen Fähigkeiten/Produkten für mein Auskommen zu sorgen…
    Traurige Mentalität!

    22. März 2016 at 10:27
  • Liebe Noah, ich lese gerade dein Buch und verfolge die Artikel auf deinem Blog. Als weiße Mutter eines schwarzen Babys ist die Materie noch sehr neu für mich, aber ich bin mir sicher, dass ich dir als Leserin treu bleiben werde und sehr viel lernen kann. Danke dafür! Deine Texte „hauen rein“ und treffen mit wunderbarer Präzision den Kern der Sache und den wunden Punkt der Gesellschaft. Ich finde das sehr bewundernswert und die Stärke die du ausstrahlst inspirierend!!

    22. März 2016 at 16:04
  • Liebe Noah, ich habe lange gebraucht zu verstehen, dass ich eine Stimme habe. Ob ich nun blogge als bodypositivityblogger of color oder als Sängerin oder als Coach für Awareness (Rassismus, Sexismus, Anti-Queerness, Intersektionalität). Ich hatte immer das Gefühl, dass das was ich zu sagen hatte nicht ganz so wichtig war und manchmal kämpfe ich immer noch mit diesem Gefühl. Das meine Stimme/Meinung/Sexualitätund mein Körper, meine Realität ist und somit zwingend (ganz besonders für mich) eine Daseinsberechtigung hat. Es ist oft frustrierend, wenn jemand deine Erfahrung/Gefühle und oder dein Können in Frage stellt, weil dies ganz einfach nicht zum Erfahrunghorizont der infragestellenden Person ist!
    Vielen Dank für Deinen Text!
    Mary aka BodyMary ^_^
    http://bodymary.de/
    https://www.facebook.com/Body.Mary2014/

    12. Juli 2017 at 12:45

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