Uni Hamburg, 20. Juni 2018: Vortrag: „Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht: Voraussetzungen für qualifizierte Antidiskriminierungsarbeit“

Mittwoch, 20. Juni 18:00 – 19:00
Universität Hamburg, Von-Melle-Park 5, Hörsaal A
Eintritt frei

 

Veranstaltung von : Schule – Macht – Rassismus in Kooperation mit der Ringvorlesung „Jenseits der Geschlechtergrenzen“ von und mit der AG Queer Studies.

 

 

Wie in der Pädagogik gilt auch in der „Antidiskriminierungsarbeit“: gut gemeint ist nicht automatisch gut gemacht. Werden unhinterfragt Gepflogenheiten befolgt, verlaufen gut gemeinte Projekte regelmäßig kontraproduktiv.
Mit besonderem Augenmerk auf pädagogische Unternehmungen (z.B. Schulprojekte) gebe ich im Vortrag Vorschläge, wie Aktionen zum Diskriminierungsabbau qualifizierter und traumafreier verrichtet werden können, wo Fallen liegen und wie zum Zweck des Diskriminierungsabbaus die traditionellen Mittel und Wege verlassen werden sollten.

 

Hamburg, 9.1.2013: Vortrag „Vorsicht, Falle – Strategien für eine traumafreie Begegnung mit den Medien“

Bzw. “Hilfe, ich erkenne mein Interview nicht wieder”

Selbst mit viel Erfahrung ist eine unmittelbare Medienbegegnung nur schwer manövrierbar. Damit eine solche Begegnung im potenzierten Dominanzgefälle Marginalisierte Person – Medienproduktion überhaupt eine Chance hat, ansatzweise kontrolliert und selbstbestimmt zu geschehen, sind für Angehörige von Minderheiten vielerlei Dinge zu beachten und Strategien zu entwickeln.

Es sind zumeist dieselben Praxen im dokumentarischen Filmbeitrag, Interview oder sonstigen medialen Produktionen, in denen die Dominanzkultur sich eines Themas annimmt, die „Anderssein“ (sprich: Anderung) oder Widerstand beinhalten, die regelmäßig zu Ergebnissen führen, die die Be-sprochenen ihre Bereitschaft zur Mitwirkung bereuen lässt, sie nicht selten traumatisiert. Diese Themenfelder sind beispielsweise Rassismus, (Cis)Sexismus, Behindertwerden. Sie werden von und für die Dominanzgesellschaft bearbeitet, Inhalte, Bilder und Aussagen nach Belieben entlang der (imaginären) Verständnisachse der Dominanzgesellschaft verzerrt, und so zum dauerhaften verfälschten Display unserer eigenen Geschichte/n / Leben /Themen. Die Auswirkungen auf die Geschichtsschreibung, Wissensproduktion, Emanzipationsbewegung und gesellschaftlichen Verhältnisse sind auf den zweiten Blick schwerwiegend.

Aus der Hinteren Reihe: Unterricht mit vertauschten Rollen und bizarren Vorkommnissen

Auftrag: Eine Doppel-Schulstunde Lesung aus meinem Buch „Deutschland Schwarz weiß“ vor SchülerInnen der 13. Jahrgangsstufe eines Gymnasiums in NRW, ab 10h.

Gedächtnisprotokoll

9:30

Ein freundlicher Lehrer stellt sich vor und fragt mich, ob ich nach meiner Lesung noch diskutieren werde. Ich verneine und empfehle ihm, das Gehörte sich erst setzen zu lassen – um es anschließend in Gruppen im Unterricht weiter zu besprechen und aufzuarbeiten.
Der Lehrer muss während meiner Lesung eine andere Unterrichtsstunde halten, er „übergibt“ daher die Klasse für diesen Zeitraum an seinen Kollegen, einen Geschichtelehrer, etwa in meinem Alter. Dieser sitzt während der Lesung hinter den SchülerInnen. Es sind PoC- und weiße SchülerInnen anwesend.

10h

Beginn der Lesung, Einführung in Stand der Wissenschaft und Stand des Mainstream, postcolonial studies, kritische Weißseinsforschung, Privilegienliste.

10:30

Frage von mir: „Hatten Sie Kolonialismus im Geschichte-Unterricht?“ Antwort der Schüler: nein. Ein Schüler sagt dazu: „ist ausgefallen“. Ich bemerke, dass das interessant sei und gebe einen kurzen Überblick über Deutschlands koloniale Aktivitäten, mit Augenmerk darauf, wie Hagenbecks Völkerschauen Entmenschlichungsbestrebungen unterstützten, wie Europa durch seine Kolonialaktivitäten ökonomische Vorteile entstanden sind, welche Rolle Rassismus bei der Rechtfertigung der Kolonial-Aktivitäten und -Überfälle spielt, usw. Der erste Teil des Überblick-Textes endet mit den Worten „Das haben Sie vermutlich nicht im Geschichte Unterricht gelernt“.

Der Geschichtelehrer ruft dazwischen „Doch, wir hatten sehr wohl Kolonialgeschichte“. Ich erkläre, dass es bei meinem Vortrag um die verschiedenen Perspektiven und Betrachtungsweisen geht, vor allem solche außerhalb eurozentrischer oder kolonialverharmlosender. Der Lehrer möchte wohl direkt in einen Dialog treten und ruft aus der letzte Reihe etwas wie „aber das hat Gründe warum das nicht durchgenommen wird, das liegt an Unterrichtskürzungen…“ usw. Ich entgegne, dass es mir zunächst ganz leidenschaftslos um die Feststellung der Tatsache geht, dass das Thema kaum oder einseitig im Unterrichtsmaterial abgebildet ist, dass das sicher auch seine Gründe habe, dass die Lehrerschaft dies ja analysieren oder ändern könne. Er will weiter diskutieren. Unruhe in der Klasse, in erster Linie seitens des nicht zufriedenen Geschichtslehrers. Ich versuche, in Ruhe weiterzulesen. Die SchülerInnen sind sehr aufmerksam.