Liebe Jüngere Community-Aktive,

Intergenerationeller Wiederaufführungen – Offener Brief an beginnende Community Activists

 

Disclaimerkonglomerat:

 

– Alter ist nicht gleich Erfahrung. Viel erlebt zu haben, ist auch noch keine Erfahrung. Erfahrung ergibt sich erst daraus, das Erlebte analysiert zu haben und es nach reiflicher Zeit und Fermentierung gemeinsam mit anderen Erlebnissen in Schlussfolgerung/en münden zu lassen (und idealerweise in die Anwendung derselben auf den aktuellen Kurs). Das kann mit fortschreitender Zeit fluide sein. Es kann aber auch ganz unterbleiben. Dann erlebe ich vielleicht hundertmal eine ähnliche seltsame Situation, denke aber nie tiefgreifend darüber nach und bin dann zwar älter aber nicht im eigentlichen Sinn erfahrener.

 

– Viele beginnende Activists sind vielen älteren voraus, aus Gründen. Nämlich dann, wenn sie auf etwas aufgebaut haben. Zum Beispiel Vokabular. Oder angelegte Pfade. Oder bereits gekämpfte Schlachten, oder erstrittene Plateaus. Manche jüngere Activists haben sogar ihre Nerven nicht durch jahrzehntelanges Geringe mit dem Hass gegen sie absolut zerfleddert und versehrt bekommen. Das hält fit und hat viel Potenzial für Perspektivvielfalt! Ich habe sehr viel von Activists gelernt, die jünger sind als ich. Dass mir möglich war, es anzuwenden, verdanke ich den Vielen, die vor mir aktiv waren, und auf deren Schultern ich stehe.

 

– Ein Teil meiner Vehemenz kommt davon, dass ich mir wünsche, dass die Fehler, die ich im Aktivismus selbst gemacht habe, insbesondere was Ausschlüsse angeht, wenigstens dazu dienen können, dass sie nicht wiederholt werden. Fühlt euch also nicht angesprochen, wenn ihr eure Projekte besser macht, als sie hier beschrieben werden.

 

 

 

Liebe beginnende Community-Aktive,

 

Ihr mögt mir bitte verzeihen, dass sich hier drei Jahrzehnte täglich-grüßt-das-Murmeltier-Beobachtungen Luft machen. Und die Älteren mögen sich daran erinnern, dass wir ohne Mitgefühl und dauerhafte Unterstützung auch nichts dazugelernt hätten.

 

Es ist kein transformatives Projekt, wenn es Nichtbinäre Personen nicht berücksichtigt. – aka: „Wir machen was für Belastete, außer für die am meisten Belasteten“

Vorab: Viele und immer mehr Communityprojekte haben Ausschlüsse auf dem Schirm und sind gut dabei, mit diskriminierenden Praxen von gestern aufzuräumen. Ihnen meine Hochachtung. Dieser Artikel dreht sich um die anderen, leider zahlreichen, Projekte, die noch nicht so weit sind.

 

Strukturelle Verletzungen die innerhalb von Communities ausgelöst werden, können tödlich sein. Wenn ich von der ganzen Welt gemobbt werde, vielleicht sogar meine eigenen Eltern mich rassistisch betrachten, ich dann endlich eine Gruppe finde, die viele meiner Erfahrungen teilt, und innerhalb der ich nicht per se als subhuman gelesen werde (wie ich denke)… aber dann von genau dieser Gruppe diskriminiert und ausgegrenzt werde – etwas schlimmeres und traumatisierenderes kann sich eins kaum vorstellen.

 

„Strukturelle“ Verletzungen deshalb, weil es ein großer Unterschied ist, ob Leute sich nur einfach ignorieren /streiten, oder ob Ausgrenzung vorliegt entlang der üblichen Verteilung von Macht und Gewalt, also nach Gender, Herkunft, Orientierung, Behinderung, Klasse, Körperfarbe, Kaste usw. Zum Einen ist persönlich-vs.-strukturell ein Unterschied auf der Gewalt-Ebene, und zum anderen, und das wird seltener erwähnt, auch in denen, die diese Gewalt trifft. Wenn zu Hass und/oder Ausgrenzung das Wissen über einen jahrhundertelangen Konsens über diesen Hass /diese Ausgrenzung hinzu kommt, wenn Ausgrenzung nicht mich persönlich meint, sondern generell alle Leute, die sind wie ich, ist das schon noch mal was anderes. (Es ist ein landläufiges Missverständnis, dass Gewalt schlimmer sei, wenn sie ausschließlich persönlich gemeint ist.)

 

Diskriminierung innerhalb von Communityprojekten

 

Einer der Gründe, weswegen wir kaum über Diskriminierung innerhalb von Communityprojekten reden, ist, dass es peinlich und schmerzhaft ist. Und umstritten. Als Schwarze Menschen leben wir mit dem ständigen Bewusstsein,

Interview mit Sharon Dodua Otoo: »Schreiben im Community-Style«

Allen, die davon träumen, ein eigenes Buchprojekt zu realisieren, empfehle ich wärmstens den internationalen Schreibe-Support-Monat „NaNoWriMo“. Hier steht mehr darüber. Er naht schneller, als meiner Szenentabelle lieb ist (ich bin gern gut vorbereitet, ansonsten wird aus Heimatkrimi bei mir fix versehentlich Science-Fiction-Kochbuch-Sachtext-Bedienungsanleitungs-Splatter).

Anlässlich des vergangenen NaNoWriMo habe ich Sharon interviewt. Ihr wisst schon, die diesjährige Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin, Herausgeberin, Verlegerin und Community-Aktivistin! Wie das hektische Leben so spielt, ging die Zeit seither hinterrücks übertrieben schnell vorbei, Mea Culpa.

Jetzt habe ich mich aber zusammengerissen und das Interview endlich mal ordentlich für den Blog formatiert. Geht ja gar nicht, so etwas so lange zurückzuhalten (siehe letzte Frage).

 


 

N: Sharon, Du gibst Bücher heraus, betreibst eine Verlagsedition und schreibst auch selbst Kurzgeschichten und Erzählungen in Romanlänge. Hängen diese Tätigkeiten als logische Folge miteinander zusammen? Oder hat es sich für Dich zufällig oder aus anderen Gründen so ergeben?

 

S: Die hängen eindeutig zusammen. Das Ganze hat sein Ursprung in Aktivismus: ich will mit den Mitteln, die mir zu Verfügung stehen, mein Beitrag dazu leisten, dass es mir, meine (Wahl)Familie und meiner Community immer besser geht. Ich bin außerdem dem Rat von Toni Morrison gefolgt und schreibe die Geschichten, die ich