Schreibübungen zur Vorbereitung: her damit!

Beitrag 2 in der Serie „Wir schreiben einen Roman in exakt vier Wochen“ (hier geht es zu Beitrag 1)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Wunderschöne writing prompts von »write around town«.

„Du brauchst nicht auf Inspiration zu warten, um zu schreiben. Es ist leichter, inspiriert zu sein, während man schreibt, als während man nicht schreibt, also ist Inspiration nicht notwendig, um sich hinzusetzen und anzufangen.
Du brauchst nicht „in Stimmung“ zu sein. Ich glaube, du wirst davon profitieren, wenn du dir keine Sorgen über die Stimmung machst: zum einen wird es dir zur Gewohnheit werden, unter allen möglichen Umständen zu schreiben; zweitens, da das Schreiben dein momentanes Gemüt wiederspiegelt, wirst du viele verschiedene Gemütslagen in deinem Text haben. Die Vielfalt wird deinen Text interessanter machen. Du bist schlecht drauf? Gut, vielleicht kannst du eine niedergeschlagene Figur portraitieren. Hoch erfreut? Verschwende die Zeit nicht mit Feiern. Bring es auf die Seite.
Viele Texte leiden unter Stimmungslosigkeit; vielleicht sind ihre Autoren nur bereit zu arbeiten, wenn sie sich ruhig und ausgeglichen fühlen.“*

 

*

Seit ungefähr einem Monat mache ich jeden Tag eine Schreibübung. Dabei suche ich mir absichtlich auch solche heraus, die direkt Unwillen und Gegenwehr auslösen, denn das sind die Gebiete, vor denen ich mich bisher gedrückt habe. Normalerweise erledigt sich die Gegenwehr schon nach drei Sätzen und weicht der Erleichterung, dass es gar nicht so wild ist wie vermutet, und dass mich nichts zwingt, die blumigen Szenenbeschreibungen aus der Übung später auch in einem Buch so zu machen.
Die Übungen suche ich mir aus diversen Apps, Onlineseiten und Heftchen zusammen, am liebsten mache ich eine Serie von vorne bis hinten durch, um zu verhindern, dass ich bei der Auswahl unbewusst trickse.

 

Manche Übungen (englisch: writing prompts) haben eine Zeitvorgabe, ich gehe allerdings nach der gemischten Methode vor: pro Übung eine bis drei Seiten, und maximal 20 Minuten, dabei den Fokus auf Klarheit, Präzision und Genauigkeit, nicht auf Eleganz/Style. Es ist nicht ganz leicht, alleine zu überprüfen, ob die Übung erfolgreich war, dafür sind Schreibgruppen und -Workshops sicher gut, aber die sind leider nichts für mich, also habe ich eine Methode der Eigenrevision:

 

– Vor der Übung schreibe ich 1-3 Ziele auf: was ist besonders wichtig, worauf kommt es hier an? Manche Übungen geben das schon vor. Zum Beispiel: Ist die Szenerie lebendig ohne Adjektive, erscheinen die Sinneseindrücke ungekünstelt und ohne Klischees? oder: Ist der Text ohne Sentimentalitäten, Erklärungen und Rationalisierungen?

 

– Entlang dieser Kriterien sehe ich mir das Geschriebene nicht direkt an, sondern eine Woche später, mit frischem Blick. Bis dahin habe ich den zufälligen Übungstext, den ich schnell morgens in 20 Minuten erstellt hatte, schon vergessen, und kann ihn selbst ganz gut kritisch beurteilen.

 

Für mein Geschreibe benutze ich ein „echtes Buch“-Seitenlayout von 200-250 Wörtern pro Seite. Die Übungen absolviere ich einfach der Reihe nach. An den meisten Tagen mache ich eine, also kann ich mit der Überei jahrelang beschäftigt sein. Bisher ist es für mich sehr lehrreich und herausfordernd und lohnt sich jetzt schon, denn ich trainiere damit meinen Schreibemuskel. So langsam wird das Erzählen nichts besonderes mehr sondern das, was ich halt jeden Tag eine zeitlang tue, es stellt sich Routine ein, ich wähne mich nicht mehr abhängig davon, „genügend Zeit“ zu haben, und das macht Spaß. Auch weil die Texte, die ich schreibe, nicht unmittelbar zweckgebunden sind, stellt sich ein spielerischer Modus ein, der dann wiederum unverhofft -ha! – ab und zu doch ein paar Perlen hervorbringt, die sich als Buch-einbauwürdig qualifizieren. Manche Aufgaben sind auch einfach sehr, sehr lustig. So ungefähr:

Stell dir deinen meistverhassten Lehrer vor. Beschreibe, wie er auf dem Klassenausflug einem Werwolf begegnet und sich direkt in die Hose macht. Lass uns seine abgrundtiefe Panik erleben.
Ziele: gruselige Atmosphäre rüberbringen, beschreiben, wie er panikt, Rache.
Revision: Haben wir erfahren, was den Lehrer so verhasst bei dir machte? Bekamen wir die Chance, uns an seiner Misere mit dir zu freuen oder haben wir eher Mitleid mit ihm, weil du vergessen hast, seinen schlechten Charakter zu skizzieren? Hast du die Horror-Atmosphäre schön schaurig ausgeschmückt und dabei eigene Bilder verwendet?

(den habe ich kurzerhand selbstgebastelt, wenn er nicht gefällt, ist nicht die Schreibaufgaben-Technik schuld sondern ich!)

 

Die Übungsserien wähle ich mir hinsichtlich Themenschwerpunkten, die ich dann 10-14 Tage lang bearbeite. Das reicht, um ein erstes Gefühl dafür zu bekommen, wo es hakt und wo es sich verbessert. Themenschwerpunkte sind zum Beispiel: Figuren, Orte, absurd/übernatürlich, Dialog, versteckter Hinweis, eine Geschichte aus einer klassischen Geschichte abwandeln, eine was-wäre-gewesen-wenn-Geschichte aus einem realen Erlebnis spinnen, einen Streit schreiben, eine Kampfszene schreiben, usw.

 

Im Moment erfreue ich mich schwerpunktmäßig daran, trotz bzw. wegen meinerseits kaum vorhandener visueller Aufnahmefähigkeit zu üben, wie ich Orte beschreiben kann. Und siehe da – es geht. Auch fast ohne Visuelles. Ich hatte die ganze Zeit Angst vor dem Phantom „Wer keinen Grafikchip von der Stange hat, kann niemals einen Ort lebendig erscheinen lassen“ und die stellt sich jetzt als unbegründet heraus. Beim Üben lerne ich, darauf zu vertrauen, dass andere stimmungsgebende Elemente genauso gut geeignet sind, ein Gefühl für Orte zu vermitteln, wenn nicht sogar besser, weil das Verwenden anderer Eindrücke und Skizzierungen vielleicht noch weniger anfällig für Klischees ist als rein visuelles Beschreiben. Um das Gefühl für eine Landschaft zu vermitteln, muss ich nicht „verstehen können“™, wie sie aussieht, sondern lediglich, wie sie auf mich wirkt, und das dann abstrahieren. Nichts anderes also als die übliche Navigation neurotypischer Gefilde. Im Gegensatz dazu aber außer anstrengend wenigstens auch noch freiwillig und selbstbestimmt.

 

Teilt doch bitte danke gerne Eure besten und wildesten Übungen (writing prompts), und die, die Euch am besten geholfen haben.

 

Und hier noch ein paar Links.

 

deutsche Wikihow Anleitung zum Nutzen von Schreibübungen/-Ideen

 

Die einzige brauchbare deutschsprachige Sammlung für Übungen (promts), die ich gefunden habe: http://deutsche-schreib-prompts.tumblr.com/

Gerade auch noch gefunden: https://schreibschrift.wordpress.com/2010/03/20/25-schreibaufgaben-aus-diesem-blog/

 

Englische writing prompts:

 

http://storyaday . org/writing-prompt-sites/

 

Charmant minimalistisch finde ich auch die Seite creativewritingprompts.com

 

Besonders wunderschön und künstlerisch: die liebevoll gebastelten Schreibestadtkarten vom Bild oben (für jede Stadt anwendbar) von writearoundtown.com

 

Es gibt auch writing prompts Apps. Gratis für Android z.B.: »writing prompts« (für IOS habe ich keine gratis gefunden).

 

ALLES immer nur auf englisch, es ist zum Haare raufen. Wenn Ihr mir nicht schnell einen Link zu ordentlichen(!) deutschsprachigen ‚writing prompts‘ schickt (es scheitert doch schon am Namen – wie nennt sich das überhaupt auf deutsch? Schreibübungen? Schreibaufgaben? Schreibaufforderungen? Die Suchmaschine produziert bei alldem zuhauf ganz anderes als writing prompts), muss ich selbst welche basteln. Update: gerade habe ich noch die aus dem Schreibschrift-Blog gefunden. Puh.

 

* Unautorisiert übersetzt von mir aus: Josip Novakovich, Fiction Writer’s Workshop, Writers Digest Books; Auflage: 2 Rev ed. (11. Juli 2008). Dieses Buch empfehle ich explizit nicht, weil unvermittelt rassistischer Kram vorkommt. Das mit dem Feiern=Zeitverschwendung werte ich mal als hoffentlich Ironie.

 

 


 
 
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