Lieber Verlag mit großer Kinder- und Jugendbuchabteilung,

der mich für einen Workshop/Impulsvortrag zu „gendergerechter und diskriminierungsfreierer Sprache“ eingeladen hat, um u.a. den Pool an „externen Kreativen“ (Übersetzung, Illustration, Text…) von Kinder- und Jugendbüchern zu „sensibilisieren“:

 

Danke für die Mail.

 

Wenn die Diversität, die wir in der Gesellschaft haben, im Pool der Schreibenden, Textenden, Übersetzenden, Illustrierenden und Lektorierenden wiedergespiegelt wird, komme ich gerne von egal woher dafür angereist, versprochen.

 

Falls das nicht der Fall sein sollte, wäre das Kernproblem auch schon identifiziert.

 

Es kann nicht sein, dass ein Verlag mit umfangreichem Jugendprogramm in die Fortbildung in Sachen Diversität investiert, aber fast ausschließlich Menschen ohne intersektionale Erfahrungen beschäftigt anstatt diejenigen, die davon aus Erfahrung Ahnung haben, die aber generell noch fast überall an automatisierten rassistischen und binärsexistischen Einstellungspraxen abprallen. Zumal es um Freiberufliche geht, gibt es wirklich keine Ausrede dafür, den Pool nicht schon zügig und ausreichend diversifiziert zu haben, oder zumindest schon mitten in dem Prozess zu stecken.

 

Diskriminierungssensibel, rassismuskritisch (oder -sensibel) und gendergerecht sind auch keine zwei oder drei Themen, sondern eins und dasselbe. Sofern der Übertrag bewerkstelligt wird von „kann man das so schreiben“ zu „oh, das macht entscheidende Dinge mit echten Menschen und unserer ganzen Gesellschaft“. Gerade Verlage müssen verstehen, dass es sich in diesen Angelegenheiten weder um überhaupt „Themen“ noch um Theorie noch um Schreibstil dreht, sondern um Repräsentation. Es dreht sich darum, welches Selbstbild Kinder einer ganzen Generation verinnerlichen. Hint: das herkömmliche Selbstbild führt zu rassistischer Gewalt. Soll das Programm weniger Rassismus und Cissexismus beinhalten als die letzten paarhundert Jahre Publikationstradition, wird das halt streckenweise anstrengend werden und müssen dafür vor allem Profis ran, die sich damit auskennen. Und zwar nicht für sensibilisierende Vorträge, sondern für die kreative und exekutive Erstellung der Literatur (und Bebilderung, usw.) selbst.

 

Repräsentation ist kein Kostüm, dass sich nach einer Fortbildung angezogen werden kann. Die alte Besetzung mit überarbeiteten Scripten ist keine Repräsentation.

Durch die Bank „writing the other“ ist nicht die Lösung. Alle Ideen zu fortschrittlicherer Praxis bleiben leider Lippenbekenntnis, so lange Besitzstandswahrung der alten Garde (lies: die, die sagen „das geht mir aber jetzt schon ein bisschen zu weit“ bevor sie dem Schwarzen queeren Projekt die Absage schicken) Vorrang hat sowie deren Sorge, einen Milimeter Territorium abzugeben an relevante Stimmen und Stifte mit vielfachkulturellem Wissen und dem entsprechendem Navigationsgeschick. Wenn die Gemütlichkeit, unter sich zu sein (unter Menschen, die fast alle weiß sind, selbstverständlich ohne Rollstuhl überall hin können, Cisgender, etc., und die sich mit Gendergerechtigkeit, Intersektionalität und diskriminierungsfreierer Sprache bisher kaum beschäftigen) wichtiger ist als authentische Repräsentation und affirmative Einstellungspraxis, können keine zig Impulsvorträge und Workshops etwas ausrichten.

 

Rassistische Gewalt und sexistische Botschaften als unterschwellige Normalität in mainstream-Kinder- und Jugendbüchern kommen nicht davon, dass weiße AlloCispersonen bisher noch keinen Workshop dazu hatten, sondern davon, dass das herkömmliche System nach wie vor herkömmliche Erzählpraxen belohnt, weswegen sich diese Erzählpraxen für die meisten Menschen (lies: Lektor_innen, Gatekeeper, Kreative) intuitiv gut und richtig anfühlen – und viele sind halt auch mit Pippi und den drei Fragezeichen identifiziert aufgewachsen. Diese dafür zu „sensibilisieren“, wäre Aufgabe ihrer Eltern gewesen, aber meiner Philosophie nach nicht die der Belasteten, die unter rassistischer Publikationstradition die Leidtragenden sind – sofern sie nicht ausdrücklich solche Workshops oder Vorträge anbieten, was ich nie getan habe: ich habe immer öffentlich sehr deutlich gemacht, dass ich es als unzumutbar empfinde, die Kontinuität der eigenen Entmenschlichung verhandeln zu sollen vor oder mit Leuten, die dafür erst „sensibilisiert“ werden müssten. Es wäre auch seltsam (wenngleich viel weniger schmerzhaft), führende Historiker_innen anzufragen, die Geschichtebuch-Redaktion hinsichtlich korrekter Jahreszahlenangaben zu „sensibilisieren“. Und ja, da bin ich empfindlich. Aus Gründen.

 

Profis, die aus authentischen intersektionalen Perspektiven hervorragend schreiben, übersetzen, illustrieren und publizieren, gibt es auch in Deutschland zur Genüge. Sie müssen halt per headhunting kontaktiert werden wie alle anderen Hochspezialisierten auch. Ein stabiler Verlag, dem das zu umständlich ist, sollte nicht vorgeben, Diversifizierung und Diskriminierungsabbau ernst zu nehmen.

Wie der Slogan aus der südafrikanischen Disability-Bewegung lautet: „Nothing about us without us is for us.“

 

 

Hier mein Vier Punkte Vorschlag:

 

1) Ich bin gerne behilflich beim Finden professioneller, atemberaubend talentierter intersektionaler Kreativer. Mein Stundensatz ist bekannt.

 

2) Für die erwähnte bevorstehende Veranstaltung aber auch für die publizistische Praxis, empfehle ich unbedingt mein Onlineseminar „Erfolgreich rassismuskritisch veranstalten“ . Es ist wesentlich freundlicher und didaktischer als dieser kompakte Text hier. Das Seminar nutzten bisher Redaktionen, Museen, Freelance-Verbände, Zentralen für politische Bildung, NGO’s , Unis, uvm. mit überragendem Feedback, 99% würden es empfehlen (die IP des 1% kam von einer Plantage in TakaTuka-Land). Lektion 1 kann sich hier gratis angesehen werden.

 

3) Ich empfehle den Kreativen eine Ausgabe von »Deutschland Schwarz Weiß« (2018 überarbeitete Neufassung) oder eines anderen Buches, das rassistische publizistische Traditionen verständlich erklärt, und ein entsprechendes Buch zu Sprache und Cissexismus, und Links zu Erklärungen, warum Intersektionalität wichtig ist – und die, die Lust haben, können sich damit dann selber fortbilden. (Die, die keine Lust haben, wären für Vortragende of Color eh zu belastend.)

 

4) Und mein Angebot von Eingangs gilt: Bis zur nächsten Veranstaltung in 1-2 Jahren?

 

Freundliche Grüße,

 

Noah Sow

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2 Comments
  • Fritzi
    Antworten

    „führende Historiker“

    Sorry, aber musste dieser Sexismus sein?
    So sad.

    25. Juli 2020 at 22:51

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