Hoffnung: deine Mutter

Neueste Hatekommentare, Stand: 11. Dezember 12

Update vom 13.11.:
Hui, ein neuer TROLLKATZENTISCH. Nach dem Vorbild von Fulda werden die Hate-Kommentare dieses Eintrags in ein Dokument ausgelagert.

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(Dieser Text wurde von mir vorgetragen im Theater Ballhaus Naunynstrasse am 19.10.2012 anlässlich des Erscheinens der Jubiläumsausgabe ‘Außer sich’ des Kultur- und Gesellschaftsmagazins Freitext.)

 

Literatur ist eine tolle Sache. Und sie ist unverbindlich.

Ich kann noch 52 wissenschaftliche oder unwissenschaftliche, lustige oder nichtlustige Sachbücher, Blogeinträge, Romane und Kolumnen drüber schreiben, wie struktureller Rassismus funktioniert und wie Schwarze Frauen Homo Sapiens sind, aber denkt nicht, dass sich das irgendwie unmittelbar positiv auf ein Leben als Künstlerin auswirkt.
Den Leuten, denen wir als Schwarze Künstlerinnen begegnen, ist scheißegal, wer wir sind.

Die wollen lieber ihre Fantasie davon pflegen, was wir sein sollen.

Musik hingegen ist verbindlich.

Wenn ich in einer Konzert-Location eintreffe, werde ich grundsätzlich als erstes rassifiziert.
Nicht selten anstatt einer Begrüßung und mit offenstehenden Mäulern der gaffenden Anwesenden hinter der Bar, die mich nicht zurück grüßen. Der Veranstalter rauscht an und fragt, wo meine Eltern herkämen oder beantwortet es sich gleich selber mit irgendeiner Brasilienurlauberinnerung, die er an mir abschmiert wie ein Stück Scheiße an einem frisch gereinigten Hemd. Toll dass du da bist, Nora, Dir liegt doch der Soul im Blut. Auf dem Poster siehst du aber heller aus. Deine Haare sind ja lustig, die sehen aus wie die Pflanze da hinten.
Ob diese Leute sich meine Musik vorher angehört haben, bezweifle ich. Sich mal 2 Minuten auf Google damit befasst, was ich so mache, haben sie jedenfalls nicht. Warum auch. Ich bin Schwarz und singe, case closed. Nebenbei noch ein Leben haben und eine Person sein, geschweige denn Inhalte vermitteln, also das klingt doch schon sehr nach science fiction, auf sowas kann man wirklich nicht von alleine kommen.

Rassismus überschreibt alle kognitiven und deduktiven Fähigkeiten. Vor allem überschreibt Rassismus Empathie und damit zuallererst die Bereitschaft zu sozialem oder auch nur zumutbarem Verhalten. In dem Moment, in dem ich als Musikerin zur Tür hereinkomme, erfülle ich dermaßen feuchtes Klischees, dass alle Wahrheiten dahinter verschwimmen.
Soweit die Veranstalter.

Dann kommt der Tontechniker. Das sind auch zu 99% Männer. Sexistische Witze, bekackte Sprüche „letzte Woche war ne Reggaeband hier da hat eine Background gesungen die sah genau so aus wie du“ und dann noch territorial in jede Ecke pissen sobald sie sehen, dass ich Musikequipment aus dem 21. Jahrhundert dabei habe, von dem sie nicht wissen, was es ist. Da helfen dann nur noch Platzzuweisungen. „hier Mädchen, das kannste so aber nicht verkabeln, das ist dann Mono“.
Ja, genau so soll es ja auch sein. Sonst hören die Leute, die rechts in der Halle stehen, etwas anderes als die Leute, die links in der Halle stehen, und davon habe ich momentan nichts. „Aber für dein Mischpult da brauchen wir noch ne DI Box.“ Nein, es hat symmetrische Ausgänge. Aber ich belasse es dabei. Gut, dass mir nach 25 Jahren Tontechnik endlich ein echter Mann mein eigenes Setup erklärt.

Weitere Begegnungsklassiker im Zeitraffer. Linke Location und der Barkeeper trägt ein Böhse Onkelz T-Shirt, so geschehen in der Weißen Rose in Berlin. Oder: Backstage hängt ein Zettel „wir dulden hier keine diskriminierenden Äußerungen“, neben Aufklebern von Bands, die mit Leni Riefenstahl Romantik Videos ihr Geld verdienen. Meine Freund*nnen kommen nicht am Türsteher vorbei. Im Frannz Club hängen im Zuschauerraum Werbeplakate aus der Kolonialzeit: eine Schwarze Frau oben ohne, die Bier serviert.

Am Verkaufstisch nach dem Konzert, Menschen aus dem Publikum wollen Smalltalk. „Haha meine Schwester kommt grad aus dem Urlaub, die sieht jetzt genauso aus wie du“. „Wieso willst n du 10€ für die CD, die hast du doch selber gemacht.“ , „bist du nicht die Eine von Tic Tac Toe“. Und ich kann nicht weglaufen. Deswegen verkaufe ich bei Konzerten fast nichts. Verzichte damit aber auf die hauptsächliche Einnahmequelle.

Das sind die Menschen und Orte, die ich ertragen muss, wenn ich live spielen will.

Einfach zur Arbeit gehen, kollegial und freundlich sein, sowas ähnliches zurück bekommen – das ist leider nicht möglich.

In der Antirassismusarbeit nennen sich solche Vorkommnisse Microagressions.
Ich nenne sie Terror. Diese Aggressionen sind nicht micro, also klein, sie werden nur von der Dominanzkultur als klein betrachtet. Da ich ein Mikrofon habe, ist Mikro aber als Name in Ordnung. Es sind Micro Tears. Risse, durch die Seele und durchs Menschsein. Das ich in diesen Situationen immer immer verteidigen müsste, was aber bedeuten würde, dass ich es zur Disposition stelle. Das ich daher also nicht verteidige. Tränen natürlich auch. Leider ganz unromantische.

Microtears my ass.

Vor jedem Konzert hab ich Bauchschmerzen. Obwohl ich gerne Musik mache. Aber zu wissen, es kann gut passieren, dass ich jetzt ein paar hundert Kilometer wo hin fahre und mir wieder einen Kübel von diesem übergriffigen Dreck abhole. Das ist doch wirklich zu viel verlangt.
Ich bin ein toleranter Mensch. Aber kein Fußabtreter.

Vor ein paar Wochen war eine Party in Berlin, die für sich behauptete, einen safe space zu schaffen, daher nahm ich die Einladung an, dort zu spielen, und was folgte war eher unschön. Rassismusreproduktionen, die von den Veranstaltenden nicht gestoppt wurden, danach sollte ich dann singen, das Publikum zu 90% weiß, vor der Bühne beim Kuchen essen. Nachmittags hatte eine weiße Australierin gesungen, die kulturelle Appropriation und mangelnde geschichtliche Demut auf ein ganz neues Level gehoben hat, mithilfe einer gesampelten Kalimba, danke Else, ich mach Musik aus meinem eigenen Kulturkreis, da muss ich mich auch nicht fragen warum ich den Gig bekommen habe und nicht die Leute, die keine Zeit und kein Geld haben, durch die Welt zu fahren mit der Musik die sie selbst erfunden haben und die du nachspielst weil deine Vorfahren ihre Vorfahren umgebracht und in die Armut getrieben haben während du als erfrischend und nett wahrgenommen wirst und sie als primitiv und verarmt und aus vielen strukturellen Gründen keinen Zugang zu Parties in Berlin haben.

Vom kolonialen Setting mal ganz abgesehen, das sich wie eine Zwangsjacke um die Brust schnürt, wenn die Schwarze Frau vor 100 weißen Leuten singt. Lieder von Schmerz und Stolz und Kampf und Überleben und Kindern und Alten und Tränen und Straßen in der Stadt – und das Publikum ist wohlwollend, isst Kuchen und vergleicht sie im Kopf mit Erykah Badu.
Auf der Bühne muss ich mir dann wegdenken, dass ich das alles weiß, und versuchen, mich selbst zu amüsieren, aber Leute, das kann ich mit viel weniger gönnerhaftem Bullshit in meinem Wohnzimmer.

Wie meine Freundin Nadja sagte: „Publikum! Wer fragt dich an so einem Tag, wies dir geht, niemand von denen.“

Ich müsste mir, so lange ich von irgendeiner Live Location noch irgendetwas will, wie zum Beispiel eine Chance auf bezahlte Konzerte in der Zukunft, so viel Scheiße gefallen lassen, dass ich im Prinzip meine Würde opfern und meine Gesundheit gefährden muss, um meinen Job auszuüben.

Und wenn das schon mir so geht, Dr. Eurofighter, Tante of Power. Was ertragen dann bitte all die jungen Künstlerinnen, die noch viel mehr wollen und noch viel weniger Rückzugsmöglichkeiten haben. Vielen geht es genauso wie mir. Ich habe mit ihnen gesprochen. Sie schweigen dazu in der Öffentlichkeit, weil sie sonst sanktioniert werden, keine Auftritte mehr bekommen, mal wieder als „empfindlich“, „dünnhäutig“, „arrogant“ und „Diva“ diffamiert.

Wer jetzt denkt, dass das alles theoretische Betrachtungen seien, ist ahnungslos, unerfahren und verroht.

Bibiana Arena teilt mit uns in einem Essay im neuen Buch The Little Book of Big Visions der Edition Witnessed ihre Erfahrungen und Gefühle, als Künstlerin in Deutschland durchweg rassifiziert, nicht als Person gesehen zu werden, sondern als Körper, an dem sich die weißdeutsche Fantasie abspulen dürfen soll. Sie hat das vor zwei Wochen zur Buchvorstellung vorgelesen und dabei geweint. Alle, die in Deutschland sich für Kultur interessieren, müssen unbedingt ihren Text lesen. Jedes Wort davon ist wahr. Jedes Wort davon ist schlimm.

Wir sind keine Roboter. Wir können das momentan nicht gewinnen. Aber ich will nicht, dass es so weitergeht.

Ich habe das alles bisher mitgemacht aufgrund der Hoffnung, dass es irgendwann, eines Tages, gehen kann. Dass ich irgendwann an den Orten, an denen ich spiele, als Mensch gesehen werde, die zur Tür reinkommt, als Kollegin, die gerade gegrüßt hat, als Künstlerin, die Kunst macht. In einem angenehmen Raum, der mich nicht misshandelt, schöne Sachen tun.

Die Hoffnung, dass das eines Tages normal sein wird, ist mir über die letzten Jahre und Jahrzehnte mehr und mehr genommen worden. An abhanden gekommener Hoffnung kann ich nun aber nichts mehr ändern. Wenn sie weg ist, ist sie weg.

Hoffnung kann ich nicht herzaubern.

Ich kann wirklich vieles vereinbaren. Quadruple Consciousness™. Erleichtert sein, begeistert sein, traurig sein, lustig sein, die Schnauze voll haben, in den Sack hauen, alles geben, alles fallenlassen, mich auf den Abend freuen wie auf Abschiedssex, alles gleichzeitig. Wem das fremd vorkommt, hat ein verdammt verzogenes Leben gehabt bisher und kommt besser nicht zu meinen Konzerten. Wer feiern kann, ohne mir mit übergriffigen Territorialmarkierungen monster auf die Eier zu gehen, ist herzlich willkommen, so lange ich noch irgendwo hin komme.

Hoffnung ist nicht alles.

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16 Comments
  • Danke für diesen Text. Als Weiße krieg ich zwar bissel white guilt, aber noch mehr ärgere ich mich mit dir, dass es einfach keine Fortschritte zu geben scheint und dir die Hoffnung abhanden gekommen ist, macht mich traurig. Leider verständlich. Trotzdem scheiße. Aber wenn es überhaupt irgendwann mal weitergeht in Richtung einer schöneren Zukunft ohne Rassismus, dann auch wegen diesem Text. Der Satz, der am meisten geklingelt hat bei mir, war, dass Rassismus Empathie überschreibt. Respekt und Hut ab vor dem Mut und der Kraft, trotzdem so persönlich zu berichten und zu schreiben. Es darf einfach nicht immer so weitergehen.

    9. November 2012 at 00:16
  • Word. Word. Word.

    9. November 2012 at 11:40
  • Danke für den Text!

    9. November 2012 at 13:01
  • Mel
    Antworten

    Ich trau mich in öffentlichen Räumen nur noch bedingt auf Klo zu gehen. Jedesmal Wut im Bauch und trotzdem lächelndes Hallo. Jedes mal das Gefühl fragen zu wollen, wieso sie das mitmachen. Und die Frage bereits zu kennen. Und viele viele Andere, die vorbeigehen und sich überlegen 0,10€ zu sparen. Ohne ein Hallo oder Danke.

    Rassismus schlägt Empathie.

    9. November 2012 at 16:05
  • „Hoffnung ist nicht alles.“ Den Satz trage ich seit gestern schwer herum. Danke für diesen Text. Und danke für die Gedanken, die er auszulösen vermag.

    11. November 2012 at 09:24
  • Lena
    Antworten

    Ich glaube der Grund warum es schwer ist ein Ende derartiger Ignoranz zu sehen liegt an der Kultur. Wir sind sehr starrsinnig, unflexibel und trotz der Größe des Landes kommt mir alles sehr ländlich vor. Alles dreht sich um’s Individuum, jeder versucht ständig über jeden zu trumpfen. Und darum scheint es immer das Wichtigste Gesicht zu wahren. Wenn es um Rassismus geht hört man oft, „das war eine andere Zeit, wir mögen auch keine Nazis“, oder „ach ja das muss schlimm sein in Amerika“. Es fehlt uns die Demut, der Rest der Welt sieht uns als Roboter, weil wir nicht zugeben können, dass selbst wir etwas zu lernen haben.

    11. November 2012 at 19:30
  • Nebenwirkungen
    Antworten

    Hallo und danke dafür.
    Wenn Leute, die diese und ähnliche Erfahrungen gemacht haben, davon berichten, stören mich am meisten die Ignoranz und Herablassung derer, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben.
    Versteht mich eine_r?
    Sobald ich persönlich werde (obwohl, ich werde es nicht, ich bin eigentlich immer persönlich) und aus meinem Alltag erzähle, glauben mir andere oft nicht. Diesen Unglauben drücken sie durch Negieren aus, sie unterstellen mir, ich würde übertreiben.
    Hm, nein, das Gegenteil ist eher der Fall.
    Woher kommt diese Abwehrhaltung all derer, die keine Erfahrungen in die Richtung machen mussten?
    Wieso können sie nicht hinhören und akzeptieren, dass diese Geschichten Realitäten darstellen?
    Wenn ich diesen Leuten genau dies frage, ist die Reaktion folgende: Irritation. Sie verstehen meine Frage gar nicht. Sie kommen nicht auf die Idee, faksch zu liegen!
    Das ernüchtert noch mehr.
    was so schwierig ist bei all dem: Menschen mit solch negativen rassistischen und/oder sexistischen Erfahrungen holen immer wieder tief Luft, nehmen immer wieder Anlauf, sind immer wieder versöhnlich, entschuldigen anderer Leute mieses Verhalten und relativieren es mit „… kann es nicht besser wissen…“.
    Oh doch, er_sie kann es besser wissen. Und zwar in dem Moment, in dem ihm_ihr Leute von ihren kack-Erfahrungen berichten. In solchen Momenten erwarte ich, dass ich samt meiner Erfahrungen für voll genommen werde.
    Und jawohl, genau diesen Mangel an Empathie, an Respekt, an Akzeptanz werfe ich Leuten vor, die meine Erfahrungen als Unfug abtun oder sie aus ihrer überlegenen Haltung heraus herabstufen.

    14. November 2012 at 16:04
  • Nörgler
    Antworten

    Die Kommentarmüllkippe („Trollkatzentisch“) versammelt Dokumente der Kultur, die es tatsächlich wert sind, bewahrt zu werden – Gehirnjaucheauskotzungen, die mir verdeutlichen, mit welchem Geschmeiß unter demselben Himmel zu leben ich gezwungen bin.

    14. November 2012 at 19:20
  • Die Trollkatzentisch-Liste mit den Abwehrreaktionen ist ja wirklich hart. Sie entspringt genau demselben Klima, wie die im Blogpost beschriebenen Situationen. Einem Klima, dass so offenkundig ist, dass gezielte Ignoranz die einzige Möglichkeit ist, um es auszublenden. „Wir haben von nichts gewusst“ ins Präsens umformuliert. „Wir WOLLEN auch nichts davon wissen, sei ruhig, deine Erfahrungen stören unser Deutschlandbild“.

    15. November 2012 at 12:31
  • … und unser Selbstbild

    15. November 2012 at 12:35
  • Linda
    Antworten

    Ida und W.E.B und Rosa und Langston und Martin und Audre und tausend andere haben tonnenweise Hoffnung ausgesät.Du auch.Dit Zeug wächst jetzt bei mir wie Hulle. Wish I could give something back.

    12. Dezember 2012 at 11:12

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