Gründe, warum eine Person dir nicht folgt, dir entfolgt, oder nicht auf deine Nachrichten antwortet

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Aka: Soziale Netzwerke, Following Entitlement, Entfolgen-Drama und mentale Gesundheit

 

Ich bin in letzter Zeit vielen mir bekannten und nicht bekannten Leuten entfolgt und habe interessante Konversationen gehabt mit Kolleg_innen, die gerade dasselbe tun (social media detox anyone). Manchmal wird nachgefragt, warum ich online entfolgt bin. Meine Antwort ist in den meisten Fällen, dass ich das gar nicht mehr konkret weiß, weil ich subjektiv und spontan so gut wie allem entfolge, was mich belastet, bzw. im Idealfall bevor es mich wirklich belastet. Das können sein Beiträge, die mich übertrieben traurig machen, bestimmte aktuelle politische News (oder Gesichter), extrem persönliche Posts, Posts mit kaum was an, uva.

Aus nicht-subjektiven sondern ethischen Gründen entfolge ich auch sofort bei

Bildern von Kindern, die nicht die Person selbst zeigen.

Entfolgen dient dem Schutz meiner seelischen Gesundheit. Ich kann besser für Empowerment arbeiten, wenn ich selbst empowert bin anstatt fertig, irritiert und abgelenkt. Auch ohne jeder tollen Person zu folgen, bekomme ich genügend mit, um zu wissen, was da draußen los ist. Freund_innen schicken eine Nachricht und ich helfe dann, so gut ich kann. Das geht auch ohne deren Posts vom Mittagessen zu sehen (ja, sorry).

 

Das aber nur mal als Aufhänger. Denn worum es hier eigentlich gehen soll, bezieht sich auf einen anderen Fall. Nämlich dann, wenn das „warum folgt mir die Person nicht [mehr]??“ nicht als Frage gemeint ist, sondern als Vorwurf. Das ist in persönlichen Bekanntschaften schon grenzwertig, kommt aber auch dauernd vor bei weitgehend fremden Personen, zwischen denen es keine Freundschaft oder längere freundschaftliche Interaktion gibt. Es entfaltet sich dann ein Drama z.B. auf Twitter, und die meisten, die zufällig dabei mitlesen, finden das Theater eher öde. Weil es häufig Verletzungen dabei gibt, und weil social media bis auf Weiteres für viele Leute der wichtigste Ort der Zusammenkunft ist, gebe ich mal meine Tantenmeinung dazu:

 

Ich nenne es „following entitlement“: Es sieht aus und riecht wie der tödliche Cocktail aus Anspruchsdenken und Unsicherheit. Zu fordern, dass eine Person mir folgen soll, ist auf jeden Fall selbstzerstörerisch, Gift für die mentale Gesundheit – und es ist auch toxisch für den eigenen Kreis in sozialen Medien.

 

„Warum ist xy mir entfolgt?“ „Warum folgt xy mir eigentlich nicht??“ „Warum antwortet xy nicht auf meine DMs??“

 

Das Nachfolgende bezieht sich alles auf social media Beziehungen, die keine Freundschaft darstellen (also Leute, die sich noch nie länger persönlich und nett hin und her geschrieben haben, so dass einfach ohne Vorwurf soft nachgefragt werden könnte).

 

Nur einige der vielen denkbaren Gründe, warum eine Person dir nicht folgt, dir entfolgt oder nicht auf deine Nachrichten antwortet:

 

– Angsterkrankung
– Depression
– zu viel um die Ohren
– Social Media Entzug
– Autismusspektrum
– Schlafmangel
– die Person will weniger online lesen
– Pause von Politik
– gerade keine emotionalen Ressourcen
– letzte Posts ästhetisch nicht kompatibel
– hat ihre Interessen geändert
usw usf.

 

Siehe da: Hat alles nur mit der entfolgenden Person zu tun und nichts mit dir.

 

In der Tat geht es keine_n was an, warum wer wo nicht folgt. Ich kann evtl eine Erklärung verlangen, wenn wer einem Nazi-Profil folgt, aber nicht dafür, wenn eine Person einem bestimmten Profil nicht folgt.

 

 

Aus aktueller schmerzhafter Beobachtung vom Spielfeldrand aus:

 

– Wenn eine Person eine plötzliche „unmoderierte“ Pause von social media macht, ist es wohl ok, mal eben nachzufragen, ob alles in Ordnung ist und die Person was braucht (sofern du Kapazität dafür hast). Aber nur, wenn du wirklich aufrichtig besorgt bist. Nicht, um die Person zu manipulieren oder überreden, mit dir zu interagieren oder weiter zu posten. Das kann Leute in einer schwierigen Lage über die Kante schicken. Nur weil eine Person 1 Million FollowX hat, heißt das nicht, dass sie nicht gerade eine schwere Depression hat! (nein, ich habe keine, das bezieht sich tatsächlich hier gerade nicht auf mich, ich möchte aber nicht mehr dabei zuschauen wie mit den Leuten umgegangen wird, die zufällig eine Depression / schwere Zeit haben und keine Lust darauf haben, das öffentlich zu verlautbaren oder sich für Rückzug zu rechtfertigen.)

 

– Auch Leute mit vielen Followx oder starken Beiträgen können social media Auszeiten brauchen, um zu heilen. Followx-Anzahl ist nicht dasselbe wie Ressourcen; besonders in Kontext von Schwarzem, IndigenX, Rrom_nja – Aktivismus.

 

– Auch wenn die Posts der Person dir viel bedeuten, dich trösten und dir bei der Heilung helfen: sie waren Geschenke an dich. Auf Geschenke kann es keinen Anspruch geben. Etwas zu vermissen, ist eine Sache. Zu versuchen, eine Person in eine Rechtfertigung für persönlichen Rückzug zu zerren, nur weil du gern eine Antwort möchtest, ist eine ganz andere Sache und nicht ok.

 

– Wo das gesagt ist: vielleicht ist es immer eine gute Idee, die Arbeit von Leuten direkt anzuerkennen, falls sie uns was bedeutet. Das nimmt auch uns selbst Druck, denn es verhindert „Argh, ich hätte … sagen /teilen sollen…“-Momente, falls es plötzlich vorbei ist mit dem Profil oder Posts der Person.

 

Nochmal, rein vorsorglich: das ist hier keine chiffrierte Message, dass ich Probleme hätte. Im Gegenteil. Ich werde eine social media Auszeit nehmen (dazu aber gesondert Info hier) aus Gründen, die durchweg positiv sind. Daher fühle ich mich bemüßigt, noch ein paar Sachen dazu loszuwerden, die mir dauernd auffallen und die ich für zu wenig besprochen erachte.

 

Follow entitlement ist schmerzlich, gerade in engen communities mit Leuten, die sich gegenseitig unterstützen wollen.

 

Unterm Strich:

 

– Bitte Gnade mit den Personen im Netz, sie sind Personen

– Unterlassung von Fremden meint es nie persönlich; wirklich

– Wer in social media Aufmerksamkeit verlangt, macht sich unglücklich

– Nachfragen ist besser als Vorwerfen

– Nachfragen ohne dabei passiv-aggressiv oder manipulativ zu sein, will gelernt sein

– am allerbesten: nicht drüber nachdenken, hier gibt es nichts zu sehen, bitte ziehen Sie durch.

 

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* Bild  credit: image: Rainbow Ghost by Piotr Siedlecki , CC0 Public Domain, https://www.publicdomainpictures.net/en/view-image.php?image=250355&picture=rainbow-ghost-2

 

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