Was du über Literaturagenturen wissen musst – Teil 1

Seriöse Agenturen werden niemals Geld vorab verlangen. Sie bekommen einen Anteil vom Vorschuss und den Tantiemen, die der Verlag an dich bezahlt. Genau wie die Autorinnen, arbeiten auch die Agenturen auf eigenes Risiko.

 

Angestoßen von einer Frage, die mich per E-Mail erreicht hat, beginne ich somit eine kleine Artikelserie über das “behind the scenes” von Buchveröffentlichungen.

 

“Ich will mein Buch alleine herausbringen und brauche keine Agentur.”

 

Herzlichen Glückwunsch. Über Selbstpublishing und autonome Projekte wird es hier demnächst auch gehen, ich darf Euch schon ein ausführliches Interview mit der großartigen Sharon Dodua Otoo ankündigen.

 

“Bei meinem Buch geht es unter Anderem um Diskriminierung. Ich suche eine Agentur, die sich in diesem Thema auskennt. Hast Du einen Tipp für eine solche Agentur?”

 

Agenturen, die sich auf bestimmte Sachthemen spezialisiert haben, kenne ich keine. Vielleicht gibt es welche. Meine Philosophie ist, dass das nicht notwendig ist. Von einer Agentur will ich, dass sie sich hochprofessionell und anständig verhalten.

 

Was Diskriminierung anbelangt, wissen wir, dass Theoriewissen sich nicht unbedingt auf das Verhalten niederschlägt. Menschen unterrichten “postcolonial studies” und benehmen sich gleichzeitig wie Plantagenhausmeister. Wenn deine Überlegung also auf die Begegnung und Interaktion abzielt: das Wissen (oder die Themenaffinität) der Gegenüber wird dich leider keinesfalls vor Zumutungen schützen.

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Falls es hingegen darum geht, dein Buch möglichst gut zu platzieren, sehe ich das so: je mehr Erfahrung, Einfluss und Überblick eine Agentur im Verlagswesen hat, desto besser werden sie sich für dich einsetzen können. Eine Agentur, die die Marotten und Interessen der Leute bei sehr vielen verschiedenen Verlagen kennt, weiß zum Beispiel, wer in der Vergangenheit empfindliche Themen in Würde behandelt hat.

 

Es ist für die Würde deines Themas entscheidender, einen Verlag zu finden, mit dem du dich gut verstehst, und der dich ernst nimmt und respektiert, als eine Agentur zu finden, die sich inhaltlich auskennt.

Eine Agentur kann kein Fachlektorat leisten. Sie sollen und können dir Feedback geben, ob du das Thema so aufbereitet hast, dass Interessierte es verstehen und lesen mögen.

 

Falls du in einer engen Sparte unterwegs bist, sehr spezialisiert oder wissenschaftlich, empfiehlt es sich unbedingt, dass du Verlage, die infrage kommen könnten, und deren Publikationen dir positiv auffallen, erst mal selbst recherchierst.

 

 

 

“Wie finde ich Adressen von Literaturagenturen?”

 

So, wie du eine Autowerkstatt oder eine Zahnärztin findest: du hörst/liest dich um nach Empfehlungen und Erfahrungen und recherchierst ausgiebig im Internet. Es gibt viele Seiten, auf denen Literaturagenturen vorgestellt werden.

 

Ich gehe es zum Beispiel so an:

 

Ich habe eine Agentur im Visier, deren Internetauftritt und Ruf (soweit mir bekannt) sympathisch ist. Sie haben einen kurzen Text über ihre Arbeitsweise, Schwerpunkte und Philosophie online, der mir gut gefällt. Die Bücher und Autor_innen, die sie betreuen, finde ich auch okay. Und sie haben nichts von Sarrazin im Programm.

 

 

“Warte! Du hast einen Promibonus!”

 

Popstars™ ist schon lange her. Spaß beiseite. Bei mir geht es möglicherweise mit der Antwort einer Agentur ein wenig schneller. Aus Erfahrung weiß ich aber: keine Agentur wird ein Projekt annehmen oder eine Autorin abfeiern, wenn ihnen das vorliegende neue Manuskript, um das es geht, nicht gut gefällt. Auch Bestsellerautor_innen bekommen noch regelmäßige Absagen*(klick auf die 3 Punkte:) 1. Das gehört einfach zum Geschäft.

 

Für Fancy- und Fame-Projekte ist Literatur nicht besonders geeignet. Klar gibt es Bücher von Promis, die millionen Menschen ungelesen zu Hause liegen haben. Aber keine Agentur und kein Verlag streben das an. Sie wollen Bücher, die gern gelesen werden.

 

Autorinnen, die noch keine Personen öffentlichen Leben sind, haben den Vorteil, dass mit ihrer Person auch noch keine Kantigkeiten (hust) und Verleumdungen verknüpft sind, und die Literaturwelt sie zumindest persönlichkeitsbezogen unvoreingenommen betrachten wird. Was Geschlecht und sonstige Schubladen angeht, ist die Verlagswelt aber natürlich ein Teil der restlichen Welt.

 

 

“Wie trete ich in Kontakt mit der Literaturagentur, worauf sollte ich dabei achten?”

 

Ich maile sie an mit einer kurzen! Bio und einer möglichst interessanten ebenfalls kurzen Beschreibung des Projektes, das ich vorhabe. Ich schicke ihnen nicht gleich ein Manuskript. Erstmal sehen, ob sie überhaupt grundsätzlich Interesse haben.

 

Wenn das nicht der Fall ist, rolle ich mich in Embryonalstellung unter dem Schreibtisch zusammen 433454444$$$$$$§§§5%%%%%%% beschimpfe ich sie leise in Gedanken schaue ich in meinen Recherchenotizen nach, welche eigentlich sowieso viel besser zu mir passende andere Agentur das Schicksal für mich bestimmt hat.

 

Wenn sie offen für mein Projekt sind, sende ich ihnen ein Exposé mit einer Leseprobe.

 

Das Exposé ist ein höchstens zweiseitiges Schreiben, das folgendes enthält:

 

– eine Info zum Buch, wie sie auf dem Klappentext stehen würde
– kurze Autorinnenbio
– geplanter Umfang des Buches: ca. 250 Seiten? Ca. 1850 Seiten?
– wann kann das Manuskript fertiggestellt werden: nächsten Mai? 2028? schon fertig?
– Vielleicht auch noch ein paar Argumente, warum das Thema gerade sehr wichtig ist und warum ich es so ausführlich besprechen will.

 

Die Leseprobe ist einfach ein Auszug aus dem Buch. Ich finde es bei Sachbüchern gut, wenn der Anfang  in der Leseprobe enthalten ist, sonst transportiert sich vielleicht das Thema nicht ganz so geschmeidig. Oft reichen 50 Seiten Manuskript beim Anbieten eines Sachbuchs schon aus. Das Inhaltsverzeichnis sollte ich aber schon mit sehr vielen tollen und wichtigen Ideen und Themen vollgepackt haben. 

 

Wenn ich das Buch noch gar nicht fertig geschrieben habe, ist das also kein Ausschlusskriterium, sofern die Leseprobe sich liest, als wäre sie schon ein Buch, und wenn sie unzweifelhaft darauf schließen lässt, dass ich noch viel mehr dazu zu schreiben habe und das Thema besonders gut überblicke.

 

Agenturkritik ist Profi-Feedback und deswegen toll, wertvoll, dankens- und wünschenswert.

Die Agentur bekommt daher nicht meinen ersten wirren Entwurf, sondern hat es verdient, dass ich ihnen eine sorgfältig überarbeitete Fassung sende, die ich selbst gut, übersichtlich und ordentlich finde.

 

 

“Aber du getraust dich das eher. Ich kann doch nicht einfach eine Agentur anhauen und dann glauben, dass sie mich nehmen.”

 

1) Ich verspreche dir, dass du bei deiner Wunsch-Agentur nicht unterkommst, wenn du sie nicht kontaktierst.

2) Sieh’s doch so: die Agenturen und Verlage wollen genau so viel von dir wie du von ihnen. Sie leben davon, dass Menschen tolle Bücher schreiben.

 

 

Jetzt heißt es warten und wie ein Teenager alle 4 Sekunden überprüfen, ob das Handy Netz hat (Spaß. Ich ziehe Email vor).

 

Wenn die Agentur sich dann endlich meldet, warum nicht gleich, ihr wollt mich wohl nervös machen, werden sie mir ihren Eindruck von  meiner Leseprobe mitteilen.

 

 

Wenn der Literaturagentur mein Manuskript nicht gefällt,
erwarte ich eine konstruktive Kritik, mit der ich arbeiten kann, die mich im Verständnis eventueller literarischer oder konzeptioneller Fails (soll es geben) weiterbringt. Gute Agenturleute können das verkraftbar für ein künstlerisches Ego rüberbringen und gleichzeitig offen und ehrlich sein. Viele Agenturmenschen sind selbst literarisch veranlagt und dazu feinfühlig und respektvoll. Mit denen will ich arbeiten. Schade, dass sie meinen Text nicht mögen.

 

Wenn der Agentur mein Manuskript gefällt,
vereinbaren wir einen Telefontermin. Wenn wir uns sympathisch sind und gut verstehen, sprechen wir über unsere Vorstellungen von einer Zusammenarbeit, von unserer Vision über das Buch, und machen vielleicht ein Treffen aus.

 

Die Gefahr eines persönlichen Treffens: falls wir uns “in echt” auf einmal doch unsympathisch sein sollten (z.B. weil die Rezeption mich ohne Umschweife zur Putzkammer bringt oder neben dem Regal eine Südstaatenflagge hängt), wird das wahrscheinlich eine Zusammenarbeit verhindern, die aber auf rein professioneller Ebene durchaus fruchtbar für mich hätte sein können. Ich überlege mir also vorher, ob ich das riskieren möchte.

 

In der weiteren Zusammenarbeit ist der Kontakt mit der Agentur überwiegend telefonisch. Ich finde daher am wichtigsten, wie der fernmündliche Vibe ist. Falls wir uns doch getroffen haben und sehr gut verstanden haben, ist das natürlich unschlagbar.

 

Jetzt machen wir eine Agenturvereinbarung aka Vertrag.

Dazu schreibe ich einen gesonderten Blogartikel, der keine Rechtsberatung darstellen wird, sondern einen Tritt in den Hintern.

 

Nur generell dazu: Ich finde es wichtig, dass die erste Vereinbarung mit der Agentur nur über eine kurze und absehbare Zeitspanne geht. Weil wir uns ja noch nicht kennen. Falls wir merken, dass wir doch nicht kompatibel sind, bin ich nach x Monaten und Fehlversuchen wieder frei und kann mit meinem Manuskript (und allen, die danach kommen mögen) machen, was ich will, das ist immens wichtig.
Wenn die Agentur einen Verlagsvertrag für mich auftut und mich dabei gut berät, kann der Agenturvertrag gerne länger gehen. Aber erst dann.

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Eine seriöse Agentur wird kein Interesse daran haben, sich potenziell anstrengende Menschen (lies: Autor_innen) für fünf Jahre ans Bein zu binden, die sie noch gar nicht richtig kennen und deren Buchprojekte sie vielleicht nie loswerden. Deswegen sollte so eine “wenn – dann – Klausel” in einem Deal mit der Literaturagentur kein Problem sein: “Nur wenn es durch eure Arbeit zu einem Verlagsdeal kommt, bin ich bei euch jahrelang unter Vertrag”.

 

 

“Was macht so eine Agentur überhaupt? Habe ich mit ihr ein sorgenfreies Leben? Sagen sie mir, was für mich am besten ist? Wieviel reden sie mir rein?”

 

Dazu mehr in den nächsten Artikeln.

 

Stimmt in den Kommentaren ab:
Soll es nächste Woche weitergehen mit

– A: “Hinterntritt – Empowerment für Vertragsverhandlungen”

oder zuerst mit

– B: “Was kann ich von einer Literaturagentur erwarten? Worauf muss ich achten?”

 

 

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  1. Walter Mosley: “At this moment in my career, after publishing twenty-seven books and at least as many short stories, I still get rejected on a regular basis. Recently I wrote a story that every major magazine rejected. After going to the major presses, I went to the smaller ones. Nobody will publish it — nobody. So don’t despair — accepting rejection is part of the job description.” – Walter Mosley in This Year You Write Your Novel 

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