Offener Brief und Nachhilfe @ SPD Hamburg:
Ihr wollt nicht wirklich ein »Integrationszentrum« bauen!?

Vom 6.2.2014.

Mitunterzeichnung/Kopien eigener Feedbackbriefe an die SPD in der Kommentarsektion herzlich willkommen

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St.Georg: Das neue „Schorsch“ kommt. Ein Integrations- und Familienzentrum für den Stadtteil – erste Azubiwohnungen in Mitte! 

 

 

An: SPD-BEZIRKSFRAKTION HAMBURG-MITTE,

Kurt-Schumacher-Allee 10,  20097 Hamburg, Telefon: 040 24 90 20, Fraktionsgeschäftsführerin: Henriette von Enckevort,

Mail: buero(at)spdfraktion-hamburg-mitte.de

 

und: SPD Landesorganisation Hamburg

Kurt-Schumacher-Allee 10,  20097 Hamburg, Telefon: 040 24 90 20,  Landesgeschäftsführer: Tim O. Petschulat, Mail: kontakt@spd-hamburg.de

 

und: info[ät]schorsch-hamburg.de , http://www.schorsch-hamburg.de/pages/DCber-uns/impressum.php

 

 

 

Hamburger SPD,

 

nennt es doch nicht “Integrationszentrum”! Wir schreiben das Jahr 2014!

 

Unsere Eltern waren in der ersten oder fünften Generation in Deutschland. Wir wurden rassistisch beleidigt, gemobbt, getötet. Wir gehörten nicht dazu. Unsere Kinder bekamen bei guten Leistungen keine Gymnasialempfehlungen, wurden immer noch als »nicht Deutsch« betrachtet, und sollten gefälligst nicht so empfindlich sein.

 

Und jetzt sollen auch noch unsere Enkel in ein Haus gehen, das angeblich zu ihrer Förderung da ist, aber schon dem Namen nach deutlich sagt “Ihr seid übrigens kein Teil der Gesellschaft, ihr gehört nicht dazu.”

 

Ihr könnt ein 10 Millionen teures Zentrum gegen Ausgrenzung von Jugendlichen, gebaut von unseren Steuergeldern, 2014, doch nicht “Du stehst aufgrund deiner türkischen Eltern sowieso schon außerhalb unserer Gesellschaft” nennen. Das bedeutet der Integrationsbegriff in seiner Verwendung. Integration, das hat auch was von Resozialisierung. Man hat angeblich Defizite, also muss man sich anstrengen, um sich eine Daseinsberechtigung zu verdienen. Das mitzukommunizieren lässt sich mit dem I-Wort nicht vermeiden.

 

Es wundert mich sehr, dass Euch die überaus wohlartikulierte, reichhaltige und präsente Kritik und Analyse am Integrationsbegriff so gar nicht zu interessieren scheint. Im Jahr 2014 noch darauf zurück zu greifen, wäre ein Schritt zurück. Für Euch blamabel, für uns schmerzhaft. Ein Schritt, der der Arbeit des Jugendzentrum Schorsch auch nicht gerecht würde.

 

Noah Sow

 

 

Vorschläge ohne implizierte strukturelle Gewaltausübung:

 

Miteinanderzentrum
Junges Stadtteilzentrum
Kulturzentrum (prophylaktisch: bitte nicht ‘Multi kulti’.)
Gemeinschaftszentrum
Mitmachzentrum
Communityzentrum

 

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Gratis-Nachhilfe:

 

  • aus: Susan Arndt & Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.)

Wie Rassismus aus Wörtern spricht
(K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache Ein kritisches Nachschlagewerk
UNRAST VERLAG, Münster, 2011, ISBN 978-3897715011

Integration | Anna Böcker, Kathleen Heft und Prof. Urmila Goel, s. 347

»…Es folgt die Diskussion der dominanten Definition und Verwendung des ›I.‹-Begriffs und seine politische und historische Kontextualisierung als rassistisches, ausgrenzendes Regime in → kolonialer Kontinuität. In einem zweiten Teil wird die aktuelle dominierende Verwendung des Begriffs in der Debatte zu Migration in Deutschland problematisiert. Schließlich möchte ich die Zusammenhänge von verschiedenen, in den Debatten zu ›I.‹ wirkenden Machtverhältnissen ansprechen und die Mobilisierung von Rassismen beleuchten, indem Dominanz auf ›Andere‹ projiziert wird.

Integration, Sprache und Rassismus
Der ›I.‹-Begriff ist ein Schlüsselbegriff der Ungleichheiten produzierenden deutschen (Im-)Migrationspolitik, unter dem rassistische Diskurse und diskriminierende politische Praktiken versammelt werden, welche das dis- ziplinierende und ausgrenzende ›I.‹-Regime ausmachen. Die von der → weißen Dominanzgesellschaft an rassifizierte Migrierte und als → ›Ausländer_innen‹3 ausgegrenzte Menschen gestellte Forderung nach ›I.‹ knüpft in der aktuellen ›I.‹-Politik gesellschaftliche Teilhaberechte an Anpassung und Unterord- nung. Dieses dominante Verständnis von ›I.‹ als individuelle kulturelle Anpassungsleistung kehrt rassistische Machtverhältnisse rhetorisch um oder verbirgt sie, denn die Notwendigkeit der Bekämpfung von rassistischer Ausgrenzung wird in der ›I.‹-Debatte entthematisiert. Eine solche argumentative ›Umkehr‹ stabilisiert ungleiche Machtverhältnisse und wehrt die Verantwortung der Dominanzgesellschaft für die Schaffung von gleichen politischen Partizipationsrechten und sozialer Absiche- rung ab. Im Gegensatz zu dem, was der Begriff vordergründig kommunizieren soll – nämlich Inklusion – ist ›I.‹ in seiner aktuellen domi- nanten Verwendung ein gewalttätiger Begriff. Er ist gewalttätig, weil er Menschen als ›Andere‹ konstruiert, sie zu Fremden macht und ihnen die so konstruierte Differenz von der weißen deutschen Norm als ein Defizit vorwirft, das sie ablegen müssen, um teilhaben zu können….«

 

 

  • Dr. Sabine Hess / Dr. Jana Binder / Dr. Johannes Moser (Hg.)

No integration?! – Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Integrationsdebatte in Europa

Integration wurde in den letzten Jahren auch in Deutschland zum zentralen Schlagwort in der Migrationsdebatte. Während das Konzept einerseits positiv »Teilhabe« verspricht, fungiert es in der deutschen Migrationspolitik potentiell als Exklusionsmechanismus. Dieses Buch nimmt aus Perspektiven der Politik, Wissenschaft, Kunst und des Aktivismus das Integrationsparadigma kritisch unter die Lupe. Entgegen der öffentlichen Integrationsforderung an hier lebende Migranten nehmen die Beiträge die Perspektive der Migration ein und loten in verschiedenen Praxisfeldern aus, was dies hinsichtlich politischer und wissenschaftlicher Konzepte in einem Europa der Migration bedeutet.

»Ein wichtiges und notwendiges Korrektiv zu dominanten Integrationsdiskursen.«
Paul Scheibelhofer, H-Soz-u-Kult, 29.10.2009

transcript verlag, http://www.transcript-verlag.de/978-3-89942-890-2/no-integration?c=784 04/2009, 246 Seiten, ISBN 978-3-89942-890-2

 

 

  • Ist Integration nötig? Eine Streitschrift von María do Mar Castro Varela (Reihe „Soziale Arbeit kontrovers“, Band 5)

Herausgegeben vom Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. und Lambertus-Verlag. 2013; 56 Seiten; 7,50 €; für Mitglieder des Deutschen Vereins 6,50 € ISBN: 978-3-7841-2405-6

Dass die Integration eingewanderter Menschen nötig ist, steht anscheinend außer Frage, diskutiert wird nur, wie sie gelingen kann. Demgegenüber charakterisiert die Autorin Integrationspolitiken als Normalisierungs- und Disziplinierungsregimes. Sie analysiert, wie mit Begriffen wie „Menschen mit Migrationshintergrund“ diese als Nicht-Zugehörige konstruiert und als Zielgruppe sozialarbeiterischen Handelns festgeschrieben werden.
Die Autorin:
María do Mar Castro Varela ist Professorin an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Sie ist Dipl.-Psychologin, Dipl.-Pädagogin und promovierte Politologin.

Bestellungen direkt bei:
Lambertus-Verlag, Postfach 1026, 79010 Freiburg, Tel. 0761 / 36825-0, Fax 0761 / 36825-33,
E-Mail: info@lambertus.de .

 

 

  • * Kien Nghi Ha / Markus Schmitz (2006): Das Recht nicht dermaßen integriert zu werden. Integrationspolitik und postkoloniale Kritik; In: ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 508 / 18.8.2006.

 

  • * Kien Nghi Ha / Markus Schmitz (2006): Der nationalpädagogische Impetus der deutschen Integrations(dis)kurse im Spiegel post-/kolonialer Kritik; In: Paul Mecheril/Monika Witsch (Hg.): Cultural Studies und Pädagogik, Bielefeld: transcript, S. 226 – 266.

 

  • * Kien Nghi Ha (2007): Deutsche Integrationspolitik als koloniale Praxis; In: Kien Nghi Ha/Nicola Lauré al-Samarai/Sheila Mysorekar (Hg.): re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland, Münster: Unrast, S. 113-128.

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