Interview: Kunst und Kultur als Medium der Anti-Rassismus-Arbeit?

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Frau Sow, (…) wie funktioniert Alltagsrassismus und gegen welche Gruppen richtet er sich besonders?


Wenn ich das so knapp darlegen könnte, wäre ich froh. Rassismus ist ein System und eine Struktur, in die wir alle eingebunden sind. Rassismus ist nicht eine „Meinung“ oder „Haltung“ sondern eine globale Gesellschaftsordnung. Die wirkt sich auf unendlich viele Aspekte im täglichen Leben aus.

 

Sie sind aber nicht nur Autorin, sondern auch Künstlerin, Musikerin, Dozentin, Produzentin, Theoretikerin und Aktivistin. Ist Ihr Kampfgeist so groß oder warum bedienen Sie so viele verschiedene Aktionsfelder?

Das hat eigentlich mehr mit meinen Interessen und Fähigkeiten zu tun als mit Kampfgeist. Ich habe gar kein Interesse am Kämpfen, aber wenn ich meine Berufe ausüben will, muss ich das bisweilen tun. Ich versuche, für jedes Vorhaben die Ausdrucksform zu finden, die mir passend erscheint, und das ergibt manchmal etwas Neues, und manchmal auch etwas Unerwartetes. Wir haben tendenziell immer noch ein beschränktes Schubladendenken darüber, wie Menschen sich ausdrücken können oder dürfen. Wenn eine in einer Disziplin gut ist, werden ihr andere Disziplinen schon fast nicht mehr zugestanden, jedenfalls misstrauisch beäugt. Das hat mich immer limitiert, weil ich nunmal pan- und interdisziplinär arbeite, und deswegen freut es mich, immer mehr Kolleg_innen zu sehen, die das ebenso machen. Sie spielen Theater für Bildung, geben ihre Vorlesungen als Performance, erklären einen akademischen Text mit einem Gedicht und andersherum. Ich glaube, dass wir alle viele verschiedene Zugänge zu Kunst und Information haben, und finde es schön und vernünftig, sie zu nutzen.

 

Was ist nötig, um die Dominanzverhältnisse in unserer Gesellschaft umzuformen? Wie kann sich etwas verändern?

Eine Voraussetzung dafür ist sicher eine konsequente Selbstbetrachtung der Dominanzkultur und das Lernen darüber, wie Gleichbehandlung überhaupt funktioniert. Wir lernen in Deutschland kaum, wie das geht. Statt auf die Inhalte und Wirkungsweisen konzentriert sich vieles auf Gemeinplätze und Slogans. Immer mehr Menschen sind bereit und haben Lust, etwas zu verändern, aber wie das angestellt werden kann, muss sich immer noch mühsam zusammengesucht werden. Es wäre doch ein Leichtes, im Unterricht statt kolonialer Klischees etwas darüber zu lehren, wie es kommt, dass es immer noch Diskriminierung gibt. Es müsste also zuerst einmal das Lehramtsstudium überhaupt dazu qualifizieren.

 

Wie kann die Darstellung von Kunst eingesetzt werden, um auf gesellschaftliche Machtverhältnisse aufmerksam zu machen?

Ich finde nicht, dass es Aufgabe von Kunstschaffenden ist, eine Funktion zu erfüllen. Wer das möchte, wird das tun, aber es ist mir wichtig, dass kein derartiges Anspruchsdenken entsteht. Die Kunst ist ja frei, sie kann, soll und darf persönlich, bizarr oder einfach nur ästhetisch sein. Wenn mit Mitteln der Kunst etwas an gesellschaftlicher Ungleichbehandlung oder -betrachtung geändert werden soll, würde ich empfehlen, sich an die zu wenden, die die Kurator_innen aussuchen. Es wäre jetzt höchste Zeit, dass die Perspektivvielfalt der diskriminierten Kunstschaffenden widergespiegelt wird, dass sie nicht mehr aus kuratorischen und veranstalterischen Positionen draussengehalten werden, dass sie im Programm Schwerpunkte setzen können, die Interessen, Werke und Ansichten bedienen, die sich nicht zu 100% an der Dominanzkultur ausrichten. Das klappt im Moment in ein paar anderen Ländern schon viel besser.

 

Kann die Produktion von Kunst auch mehr? Nämlich auf soziale Verhältnisse Einfluss nehmen und als Mittel fungieren, um ihnen entgegenzuwirken? Inwieweit können durch Kunst Solidarität hergestellt und soziale Differenzen überwunden werden?

 

Kunst kann alles! (lacht) Sie kann Lebensmut wiederherstellen, heilen, versöhnen, zusammenbringen und Regierungen stürzen. Es ist aber nicht Auftrag der Kunst, das zielgerichtet vorzunehmen. Kunst wurde schon immer auf alle möglichen und unmöglichen Arten für politische Zwecke instrumentalisiert. Ich werbe dafür, dass diskriminierte Kunstschaffende sich nicht einem „Auftrag“ unterordnen, sondern Kunst als Selbstzweck benutzen, als eine Form, den eigenen unverwechselbaren Ausdruck als wertvoll zu erachten. Kunst ist eine sehr machtvolle Ressource. Die stärksten Wechselwirkungen zwischen Kunst und Gesellschaft sind die mittelbaren. Die Macht von Ästhetiken darf nicht unterschätzt werden.

 

Das Interview führte Anna Lambert. Es erschien zuerst in: Interkultur Stuttgart, dem interkulturellen Monatsmagazin des Forums der Kulturen Stuttgart e.V., im November 2015

 


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