Bücher von Bestsellerautoren über das Schreiben

 

Beitrag 3 in der Serie “Wir schreiben einen Roman in exakt vier Wochen”  (Beitrag 1 , Beitrag 2 )

 

Es gibt einige Sachbücher bekannter Bestsellerroman-Autoren über das Schreiben, die sehr oft empfohlen werden. Manche respektiere ich in ihrem Job als produktive Autoren, und ich glaube, dass sie sicher einiges Wissen über das Schreiben mitteilen können. Ihre Sachbücher habe ich allerdings bisher allesamt nach ein paar Kapiteln zur Seite legen müssen, aus denselben Gründen, aus denen ich auch ihre Erzählungen zur Seite gelegt habe: die meisten von ihnen verwechselten Absicht (Intention) mit Perspektive. Um ein Beispiel aus dem Leben zu nehmen: Der Autor James Wichtig hat die Absicht, etwas für Geflüchtete zu tun, also schreibt er einen Roman darüber, in dem das schwere Leben eines Geflüchteten beleuchtet wird. Auf die Idee, dass das Ergebnis perspektivisch stark verzerrt sein könnte, kommt er erst gar nicht.

Die Bestsellerautoren, die ich über das Schreiben instruieren und informieren las, meinten es zum Teil gut (was immer und immer absolut irrelevant sein wird), kamen aber jeweils über ihren Tellerrand nicht heraus. Das äußert sich in den Sachbüchern zwar nicht als Leitmotiv, aber dafür mindestens genauso grauenvoll – weil unerwartet – in zufälligen und unnötigen Beispielen, die sie ganz nebenbei wie selbstverständlich aufführen, zitieren, loben, aus ihrem eigenen Werk heranziehen und abfeiern. Die Formeln sind so zopfig wie hartnäckig: Schwarze sind Gesandte der Finsternis und verdächtig. First Nations sind hauptberuflich mystisch. PoC existieren in der Erzählung generell nur, um einen humanistischen oder didaktischen (oder sexuellen) Punkt zu machen. Leute, die behindert werden, dienen zum Aufzeigen von Lebensmut. Frauen werden erobert. Im echten Autorenleben sich Distanzlosigkeiten gegenüber Menschen herauszunehmen, die diskriminiert werden (und daher als “interessant” – lies – für Schreibstoff verwertbar zu betrachten), wird als probate Inspirationstechnik aufgeführt… und noch weitaus Schlimmeres, das unerwähnt bleiben soll (Hinweis: meine Mission “finde ein gutes Schreiblernbuch ohne rassistische Beleidigung und ohne normalisierter Objektivierung von Frauen*” läuft nach dem Zuklappen von Buch # 9 immer noch).

 

Das ist schade und ein double-bind: eine Situation, in der ich nur verlieren kann (ja, das ist eine der Auswirkungen von Diskriminierung): ich kann mich entweder dafür entscheiden, mich beleidigen zu lassen, lies: mich freiwillig selbst zu erniedrigen, als “Preis” für fachlichen Rat, oder ich bekomme halt nur unter erschwerten Bedingungen überhaupt fachlichen Rat. Hey, das erinnert mich an das deutsche Bildungssystem.

 

Für meine Entscheidung in dieser Sache muss ich inzwischen nicht mehr überlegen, das Älterwerden hat gottlob viele Vorteile. Ich habe einfach keine Zeit, mich mit literarischen und perspektivischen Auslassungen, Übergriffen und Aneignungen zu beschäftigen. Ich will eine gezielte Auswahl über meinen Lesestoff treffen. Daher von mir leider kein Foto für dich keine einzige Empfehlung der über-das-Schreiben-Bücher der herkömmlichen Bestseller- und Professor-Wichtig-Dudes.

 

Was habe ich daraus gelernt, und wieder einmal eher spät: ich muss konzentrierter nach ordentlicher Literatur über das Schreiben suchen und kann nicht nach Bewertungen sortieren oder danach, wieviele Leute oder Universitäten oder Schreibcoaches die Bücher empfehlen und loben. Wenn die Lehre gewaltfrei ablaufen soll, ist mehr Anstrengung nötig, als zu den „üblichen“ Lehrbüchern zu greifen.

 

– Eine Freundin empfahl mir kürzlich Walter Mosleys “This year you write your novel” (“Dieses Jahr schreibst du deinen Roman”, anscheinend nur auf englisch erhältlich), ich habe es mir gestern als Ebook geladen und werde nach Durchsicht berichten. Wer es kennt, bitte unbedingt kurz kommentieren, wie es ankam.

– Eine andere Freundin hatte diesen Tipp vom großartigen und wichtigen Samuel Delany: „About Writing“ (ebenfalls nur auf englisch). In Deutschland ist es anscheinend nur gebraucht oder als E-Book bezahlbar . Ich bevorzuge bei Fachliteratur sowieso e-Books, denn darin lässt sich so schön notieren, markieren und exportieren. Ebenso: bitte Info, wie es gefiel, falls bekannt.

– Hier ist ein ausführliches Interview von Rachel Kaadzi Ghansah mit Samuel Delany: http://www.theparisreview.org/interviews/6088/the-art-of-fiction-no-210-samuel-r-delany

 

 

In zukünftigen Beiträgen kann ich dann hoffentlich mit Buchempfehlungen über das Schreiben aufwarten. Ich habe gerade auch schon eines durch, das ich gut fand, es ist nicht von einem Bestsellerautor™. Gerade schreibe ich die Rezension fertig, dann teile ich sie hier.

 

Habt Ihr diskriminierungsfreie Bücher über das Schreiben gefunden? Wie füllt Ihr die perspektivischen- und Wissenslücken, die bezüglich superkultureller queerer Schwarzer Leben und Perspektiven im Besprechen erzählerischen Schreibens bestehen?
Das Bewusstssein zu adressieren, oder auch nur zur Kenntnis zu nehmen, das aus Mehrfachperspektiven (double consciousnes) und kulturellen Mehrfachcodierungen hervorgeht, überfordert offensichtlich so manche/n, aber es ist nunmal Grundvoraussetzung für viele unsereins und daher auch für das Erschaffen lebendiger zeitgenössischer Figuren, Geschichten und Interaktionen of Color.

Welches Buch lehrt explizit, wie dieses Plus beim erzählerischen Schreiben gut eingesetzt werden kann?

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Finderlohn: 1 Album-/EP-Download nach Wahl!

(bitte in den Kommentaren e-Mail Adresse hinterlassen )

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