ADIVIISB: eine typische Konversation: ‘antirassistischer Antiislamismusantimuslimischer Rassismus’

Neu vom 25.1.2012: Pflichtlektüre aus dem großartigen “Stop Talking” Blog über just dieses Thema.

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Aus der Sendereihe Alltagserlebnisse, die ich verarbeite indem ich sie blogge (= nicht ‘schlucke’ #keintäterschutzhier) – und durch das Öffentlichmachen evtl. sogar noch ein paar gute Linksammlungen entstehen, zumindest eine Dokumentation von Alltagsfragmenten einer politischen WoC.

Eine ganz komma ganz komma gaanz typische Konversation mit voll so netten und auch voll sehr freundlichen total hauptberuflich toleranten Dinosaurierbekannten aus einer Zeit, in der ich offensichtlich noch mit einer Stehlampe verwechselt werden konnte.

#clue:hashtags

Vorwort1: guter Bekannter aus einer Zeit… siehe oben, er versteht sich als politisch und durchweg antira/-fa.

Vorwort2: Im Gespräch beschwert er sich darüber, dass bei einem Job, den er soeben (freiwillig) in Kroatien machte, Männer, die sich nichts von ihm sagen ließen (Wachpersonal mit Kriegsbackground), ihn körperlich sowie institutionell eingeschüchtert und herumkommandiert hätten und er nichts zu melden hatte, als wie krass und willkürlich er das empfunden hatte, etc.

Mein Einwand “dann haste mal kurz reingeschnuppert in die Dauer-Realität von PoC, insbesondere Frauen, in deinem eigenen Land #ouryjallohmareamesarr, ist doch bestimmt ganz horizonterweiternd!”

Vorwort3: Ein Vortrag von ihm über die Ignoranz eines kanadischen Kollegen, dazu sein Statement “der weiß ja nicht mal wo die Länder liegen, ich hab ihm gesagt ‘es hat einen Grund warum ich mit den Leuten aus dem Balkanraum arbeite und du nicht!'”

Nächstes Gespräch, durch ihn angeregt, über Gentrifizierung; willkürlich mittendrin er:

“Ich habe gelernt, die Muslime zu hassen.”
Wtf?
“War gerade in Indonesien, die machen nachts so laute Musik, Gebetsruf und so.”

Ich: Das kannst du nicht bringen du klingst wie Sarrazin! Und laute Musik von Kirchenglocken, macht die, dass du sagst, dass du Christen hasst oder was, check mal wie du drauf bist und was das anrichtet!”

Er: “Also ich sag das aus ner Indonesischen Perspektive.”
Ich: Nein, du bist ein weißer deutscher saekularer Mann und das ist auch die Perspektive aus der du was sagst.”

Er: “Ja, also, aber im deutschen Raum würd ich sowas nicht sagen.”

Ich: wtf, ich b i n der deutsche Raum, mann.

Er: “Nein also auch wie die da die Frauen unterdrücken mit Burka und alles!”

Ich: Und daran ist nicht zufällig die Mackerpolitik schuld sondern die Religion, ja. Wie christlich motiviert Überfalle begangen wurden und werden, deswegen hasst du immer noch nicht alle Leute dieser Weltreligion oder traust dich jedenfalls nicht das so pauschal zu sagen, du musst mal schnell lernen zu differenzieren zwischen politisch und religiös motiviert und vor allem dein Tourihalbwissenlaberprivileg checken! Und die Dimensionen von dem Mist, den du hier loslässt!

Er: “ja klar, in Deutschland ist die Stimmung ja auch gerade schwer antimuslimisch aufgeladen. Und deswegen ist es nicht okay, gegen Muslime sowas zu sagen.”

Ich “hast du aber gerade, raff die Auswirkungen und Bedeutung deiner Logorhheu! Und hör auf, das Problem zu vertauschen!”

Er: “Aber das ist so mit dem Islam in Indonesien … ”

Ich: “belehrst du mich etwa gerade über den Islam? Gehts noch??”

Er: “Du hast mich doch auch gerade belehrt aber umgekehrt darf ich das nicht oder was?”

Ich: “Genau. Weil Du davon ausgehen kannst, dass du keine Ahnung hast und ich dich gerade übertrieben zugewandt und übrigens gratis fortbilde. Weil differenzierte Sprache und deren Analyse hinsichtlich gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit mein Beruf ist. Oh, und ich mich damit täglich beschäftige. Und du anscheinend null. Was willst du mir da beibringen können?”

Er: “unabhängig davon, dass mir das Gespräch gerade nicht gefällt, muss ich mal eben weg…”

Er steht auf und geht.

Danach treffe ich seine Kollegin, begrüße sie kurz und sage “ich will hier weg, hab mich grad mit dem gezofft, sehr uncool.

Sie: “streitet euch doch nicht!”

Ich: “Du, der erklärt mir, warum es okay sein soll, wenn er sagt, er hasst jetzt Muslime.”

Sie: “streitet euch doch nicht”

Ich: ach, verstehe, schönen Abend dann noch in Oblivien!

 

So, und jetzt Ihr.

Es ist ja beileibe nicht das erste mal (sonst hieße der erste Satz nicht “Eine ganz komma ganz komma gaanz typische Konversation…”), dass ich erleben muss, dass nette, vermeintlich ‘gute Bekannte’, die sich als links und nicht-NPD verstehen, schwerste Scheiße reden. Es bleiben trotzdem ein paar Fragen offen.

– warum denken die, können sie damit durchkommen, ausgerechnet mir diese Scheiße zu erzählen? (Privileg enthemmt wohl)

– wie soll es schaffbar sein, ganz grundsätzlich offen und freundlich auf Menschen zuzugehen, wenn sogar die, die sich als ‘antira’ definieren, sich dann nach dem 3. Bier so aufführen?

– warum wird das eigentlich noch von mir verlangt?

– wenn ich in Zukunft bei solchen Zumutungen immer sofort abbreche und gehe, um mir das freche und übergriffige Abwehr-Ausreden-Gelaber zu ersparen, wie wird das wohl sanktioniert werden?

– Wer erkennt an, dass ich so ein netter Mensch bin (#Stockholmsyndrom?), dass ich nach so einem Spruch überhaupt  noch mit der Person rede?

– Strategien?

 

#bosnien
#wasglaubstduwieunangenehmdasgesprächgeradefürmichistarschloch
#culturalappropriation
#privilegedenying
#religionsgruppenbezogenerhasstötet
#racismfucksupyourlife
#completeinvalidationofgegenüberspositionundbodyofwork
#ofblackwoman
#notexactlyacoincidence
#grundsätzlichunterschätztwerden
#diewollenernsthaftdaswirweiterhinoffenaufsiezugehen
#entitlementtonotthinking
#frech
#heuchler
#unpositioniert
#doublestandard
#abgefuckt
#patriarchatistnichtinmeinemT9Wörterbuch
#neandertaler
#triangulation
#beidenfalschenausheulenwollen#whitewhine
#fuldaistnureinchiffre
#fickdichinsknie

” Bequem leben auch solche, die rechtsextrem denken und links leben. Karriereknick in Politik und Wirtschaft wegen Moslemhass und Ausländerfeindlichkeit? Nicht bei uns! Hauptsache man ruft nicht „Heil Hitler“ ins Parlament, oder „Türke verrecke“. Darunter ist eigentlich alles möglich. ”
Mely Kiyak in ‘Lieber deutscher Nazi’ (FR)

4 Comments
  • Recht auf Wut.
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    Wieder ein Antirassist nach dem Hallervorden- Prinzip “ich bin kein/e RassistIn(etc.), weil ich selbst definiert habe, dass ich keine/r bin”. Das erspart die mühsame Reflexionsarbeit über die eigene Denkweise und Prägung und es gibt den Heiligenschein gratis mit dazu.

    Sowas, in Indonesien gibt es Muslime, manchmal ertönt der Gebetsruf und die Leute hören nachts Musik. Irrationaler Irrsinn ist schon die Gleichsetzung Indonesier= Muslime und Muslime= Indonesier;spannender ist nur laute Musik = Islam ?!?!? Der koloniale Blick von “oben” nach “unten” ist genau so nervtötend wie die Wertung, man wisse selbst am Besten, wie die Leute in Indonesien leben sollen. Mein Eindruck ist, dass es mittlerweile zum Einmaleins der Angeberei gehört, mit Auslandsaufenthalten zu prahlen und gleichzeitig abwertend über die Einheimischen zu reden.

    Strategien…

    Inspirierend fand Ihre Reaktion auf das “Festival du Racisme”- einfach gehen. Mit Reden habe ich es einmal versucht, als ein Bekannter (der sich selbst tatsächlich als links versteht) eine üble rassistische/ sexistische Kackscheiße abgelassen hat. Das endete damit, dass ich aus dem Nichts angewulft wurde. Aus dem Kopfprotokoll: “Du stellst mich als totalen Gewaltverbrecher dar! Ich schwör Dir, wenn wir uns auf der Straße treffen…” Welche Ironie. Aus seiner Sicht war es übrigens ein aufklärendes Gespräch “damit ich mal klarkomme”. Wie erhellend. Reden klar gescheitert.

    Die Frage ist wirklich, wie man mit sowas umgehen soll. Ich finde allerdings, dass es kein Win-Win gibt, sobald jemand rationalen Argumenten und logischem Denken (laute Musik = Islam?!?!) nicht zugänglich ist- wenn man dann geht, hat man zumindest Zeit und Energie gespart.

    15. January 2012 at 21:25
  • Delilah
    Reply

    Respekt für dein Durchhaltevermögen! So lange nach immer mehr Scheiße immer noch mehr Argumente zu bringen statt nur noch Rumzufluchen, das muss man erst mal hinkriegen. Und dann auch noch so schlagfertig. Danke!

    „warum denken die, können sie damit durchkommen, ausgerechnet mir diese Scheiße zu erzählen?“

    Das fühl ich ganz doll – ein Elternteil von mir kommt aus einem muslimischen Land, und das ist jedem Menschen bekannt, den ich etwas näher kenne (hauptsächlich durch deren elende Fragerei nach meiner „Abstammung“ wegen meines „fremden“ Namens). Trotzdem höre ich ständig antimuslimische und antiarabische Sprüche, as if I wasn’t there. Ich denke, es liegt auf jeden Fall zu einem großen Teil daran – wie sehr, kann ich nicht so richtig wissen – dass ich meistens als weiß passe und die Leute deswegen schlicht nicht daran denken, dass ihre fantastische Erziehung ihnen jetzt eigentlich gebieten würde, gerade ausnahmsweise mal keine Scheiße zu reden (nicht dass das dann cool wäre). Manchmal habe ich allerdings auch das Gefühl, dass Leute mir gegenüber ganz bewusst die Grenzen des Sagbaren austesten, vor allem bei Vorgesetzten oder so, wo ich nicht so richtig intervenieren kann. Manche Menschen sind einfach scheiße.

    „wie soll es schaffbar sein, ganz grundsätzlich offen und freundlich auf Menschen zuzugehen, wenn sogar die, die sich als ‘antira’ definieren, sich dann nach dem 3. Bier so aufführen?“

    Ist das eine rhetorische Frage? Also ich kann das schon lange nicht mehr. Aber ich fake es manchmal. Ich glaube, Antira bedeutet in der deutschen Linken in der Regel nach wie vor „nur“, sich für Flüchtlinge einzusetzen. Selbstreflexion und Privilegiencheck gehören zumindest nicht dazu. Und AntiFA bedeutet in meiner Erfahrung oft, dass die Typen noch größere Macker sind als ihre unpolitischen Altersgenossen.

    „wenn ich in Zukunft bei solchen Zumutungen immer sofort abbreche und gehe, um mir das freche und übergriffige Abwehr-Ausreden-Gelaber zu ersparen, wie wird das wohl sanktioniert werden?“

    Uff.. Keine Ahnung, vielleicht hilfts ja sogar? Sag auf jeden Fall Bescheid, wenn dus weißt. Meine „Strategie“ ist entweder, spontan darauf los zu diskutieren, oder, in den krasseren Fällen, mich kurz zurückzuziehen, die Fassung zurückzugewinnen, mir kurz was zu überlegen und die Leute dann zu konfrontieren. Leider fang ich oft total schnell an zu weinen. Das hindert mich zwar gar nicht unbedingt am Diskutieren, aber die anderen am Ernstnehmen. Das Verhalten hätte eigentlich auch mal nen Rant verdient. Sollt ich mal schreiben.

    Warum eigentlich #bosnien? Weils auch muslimisch ist? Oder wolltest du #indonesien schreiben?
    Und noch eine kleine Korrektur: „Antiislamismus“ ist glaub ich falsch in diesem Kontext, weil Islamismus ja politischer Islam ist. Ich würde antimuslimischer Rassismus dazu sagen.

    16. January 2012 at 01:38
  • Philipp Weidemann
    Reply

    Hallo Noah,

    vll. erinnerst Du Dich, “fulda reloaded” in facebook.
    Ich möchte mich bei Dir entschuldigen. Seit dem Du das Café wegen der unsäglichen Lampe verlassen hast, hat sich hier ne Menge in Bewegung gesetzt, es “kocht”, und ich muss sagen, für mich die umwälzendsten 3 Monate der lezten Jahre. Ich hab großen Respekt vor deiner Arbeit und deinem Engagement, und geb Dir absolut Recht, dass es eigentl. weder deine Aufgabe noch dein Problem ist. Diese gleichgeschaltete Ignoranz in “weißen” Köpfen incl. meinem eigenen finde ich mehr als erschreckend. Ebenso die Kollektiv-Automatenmeinungen und automatischen Abwehrstrategien. Hat 33 Jahre gedauert, das zu kapieren und dein Weggang war da entscheidend! Danke. Ich wünsch Dir eine gute Zeit mit Momenten der Ruhe zum Wieder-Auftanken in dieser never-ending-story. LG, Philipp

    31. January 2012 at 11:28

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