Eine Buchempfehlung über das Schreiben

Beitrag 4 in der Serie „Wir schreiben einen Roman in exakt vier Wochen“ (Beitrag 1 , Beitrag 2 , Beitrag 3)

 

Bildschirmfoto 2015-10-08 um 19.44.59

BEFORE THERE WERE BOOKS, we read each other. We still do, every minute of every day. We instinctively know everyone has an agenda, and we want to be sure that agenda isn’t to clobber us, either metaphorically or with a hammer. What we’re hoping for is kindness, empathy, and maybe a nice big box of chocolates. So it’s interesting to note that the term “agenda” often carries a negative connotation, implying something decidedly Machiavellian, as in duplicitous, manipulative, and cunning. Truth is, agenda is just another word for goal—making it completely neutral and utterly necessary to survival.

– Lisa Cron, Wired for Story

 

 

 

 

Es gibt so viel Literatur darüber, wie eine Erzählung zu schreiben ist, wie „man“ einen Krimi, Thriller, eine Liebesgeschichte, Teenagergeschichte, historischen Roman usw. zu erstellen hat, nach Patentrezept und Strickmuster, für garantierten finanziellen Erfolg™, nach unabänderlichen Strukturvorgaben, die schon die alten Griechen in die Kinos Theater trieb…., dass es schon allein Jahre dauern kann, sich durch die Ratgeberliteratur zu lesen, ein Hundertstel davon auszuprobieren und ein Schema nach dem anderen mit dem Aktenvermerk „versucht und verkrampft“ hinfortzusortieren.

 

Alle Ratgeber sind eben nicht für alle Menschen und alle Motivationen geeignet. Und DAS dramaturgische Format und Gerüst, ohne das eine Story nicht funktionieren kann, gibt es nicht. Das lässt sich ja sogar schon an Thomas Mann und Donnie Darko sehen. Das heißt nicht, dass ich glaube, ohne Regeln besser schreiben zu können, sondern, dass die Regeln nicht unzutreffend oder verkürzt sein sollten, nicht auf falschen Vorannahmen basieren und auch nicht Ursache und Wirkung vertauschen, wie zum Beispiel „Ein Buch muss 3 Akte haben, damit es ein Bestseller wird“. Übertriebene Kommerzorientierung finde ich für Literatur außerdem suspekt. Je mehr sich an die ‚Masse™‘ gewendet wird, desto weniger kann ich damit rechnen, gemeint zu sein.

 

Wenn ich mir auch umnachtet ambitioniert vorgenommen habe, in einem Monat eine Erzählung in Romanlänge zu schreiben, will ich wenigstens in der Umsetzung und Vorbereitung pragmatisch sein. Beim Schreiben kann ich nicht die ganze Zeit daran denken, dass ich nicht weiß, wie das eigentlich geht. Ich muss dann schon zumindest eine Ahnung davon haben, worauf ich hinaus will und worauf ich achten möchte/sollte/könnte. Sonst wird mir das zu abenteuerlich. Manchen mag es anders gehen. Erlaubt ist, was motiviert.

 

Die Kunst ist wohl, gerade so viel Handwerkszeug und Information zusammenzusammeln, wie es für die Vermeidung der gröbsten Fehler braucht, und rechtzeitig mit der Ratgeberei aufzuhören, bevor sich etwas als kategorisch festsetzt und den eigenen Ausdruck einschränkt anstatt ihn zu präzisieren.

 

Nach also guten 10 Jahren gelegentlicher Experimente mit den üblichen Lehrbüchern resultierte kürzlich die Konsequenz “Ich lese jetzt nur noch Sachen mit hoher Chance auf Bullshitabwesenheit“. Die Suche nach Lehrbüchern, die mir kein verkürztes Patentrezept als heiligen Gral verkaufen wollen und auch nicht vor interkulturellen und perspektivischen Defiziten oder gar -ismen strotzen, hat bislang zwei vielversprechende ergeben, die ich jetzt lese, plus eines, das ich soeben durch habe und empfehlen kann. Es ist auf Englisch. Für mich ist das ok, weil ich über kurz oder lang sowieso schwerpunktmäßig auf englisch schreiben will, aber auch, weil die deutsche und die angelsächsische Literatur- und Schreibkultur dermaßen verschieden sind, dass ich mit deutschen Ressourcen gar nicht erst anfange (dazu in einem anderen Post ggf mal mehr). Mir ist aber klar, dass es doof ist für die nicht-englischsprachigen Leute, die das hier lesen, dass es das Buch nicht in deutscher Fassung gibt.

 

Und es hat noch einen klitzekleinen Haken: die Tipps über das Schreiben, die sich in diesem Buch finden, sind so viele, dass die Sortierung manchmal ein bisschen darunter leidet. Warum ich es trotzdem mag? Weil es trotzdem gut ist und vor allem einen so spannenden Ansatz hat:

 

– Wired for Story: The Writer’s Guide to Using Brain Science to Hook Readers from the Very First Sentence von Lisa Cron

 

Die Literaturagentin und TV-Produzentin Lisa Cron erklärt aus verhaltens- und neuroforscherischer Sicht, was Geschichten mit dem Gehirn machen, und was Gehirne mit Geschichten machen, nämlich im Grunde eigene Reaktionsmöglichkeiten evaluieren und emulieren. Das ist mal was. Und ich habe viel daraus gelernt. Zum Beispiel, dass der eigentliche Korpus einer Geschichte gar nicht die Geschichte ist: Dass es primär nicht darum geht, was in einer Geschichte passiert, sondern wie die Hauptperson auf das, was sich zuträgt, reagiert. Und noch viele weitere Erkenntnisse, die ich im Moment als „besser spät als nie“ dankend annehme. Und gar nicht so gut und ausführlich wiedergeben kann wie die Autorin.

 

Sie verzichtet auf PBV*-Universalismen („alle können Bestseller landen wenn sie es nur wollen!“) und bringt stattdessen welche, mit denen ich was anfangen kann. z.B. (Von mir übersetzt und im Buch natürlich ausführlich besprochen und begründet):

 

– „Marketingleute, Politiker und Fernsehprediger wissen mehr über [den Aufbau von] Erzählungen als die meisten Autoren…“

 

Lisa Crons Buch vermittelt nicht die Grundhaltung, dass alle Welt ihre Perspektive teilt, und wenn sie hwm als Beispiel benutzt, dann nicht mit der Attitüde, dass es nichts komplexeres, relevanteres und interessanteres gibt, als mehr aus dem Leben von hwm zu erfahren. Ihre Beispiele für Dialog, Konflikt und Story erinnern zum Teil an Karikaturen aus Fanfantasien. Dadurch, dass das zu Zwecken der ironischen Vereinfachung geschieht, finde ich das lustig und zugewandt, auch, dass sie damit nebenbei dem „Hochliteratur“dünkel eins mitgibt. Sie zitiert aus sympathischen Romanen (z.B. Walter Mosleys Fear Itself), erwähnt aber auch beispielhaft solche, die mir unsympathisch sind. Die feiert sie nicht ab, sondern verwendet „Klassiker“ (gottlob spärlich), um einen bestimmten Punkt zu machen, was freilich nun mal nur geht, wenn die Bücher sehr bekannt sind. Sie zitiert keinerlei fiese Passagen und lobt auch keine -istischen Erzeugnisse. Die kurzen Liebesgeschichtenbeispiele, die sie selbst aufführt, sind alle hetero und teilweise etwas panne eindimensional was die Motive der Figuren angeht, was ich verkrafte angesichts der Abwesenheit expliziter Hassbotschaften. So weit ist es schon gekommen, dafür dankbar sein zu müssen. Ich habe in anderen Büchern dermaßen viele unnötig schlimme Beispiele gesehen, in wired for story fand ich nichts dergleichen. Ich habe es aufmerksam mit viel Spaß und Erkenntnis gelesen. Es gibt auch schöne Passagen über Vorurteile und Wahrnehmung, die sicher nicht nur für (angehende) Autor_innen guter Stoff sind.

 
Meine Lieblingsstellen:

 

– Die Passage, in der sie die Funktion von Flashbacks erklärt… anhand der Lokalpolitikerin Samantha, deren Mutter von Wölfen großgezogen wurde

 

“All first drafts are shit.”

 

– „subplots don’t literally mirror the main storyline, because no reader wants to spend time in the department of redundancy department.“ (<3)

 

– Über die Struktur des Films Die Hard: „And protect him he does, in one of the most touching moments of deeply felt macho bonding in the pre-bromance era.“

 

– Sie zieht über den Klassiker Ulysses her, bzw. lässt herziehen:

»Roddy Doyle, widely regarded as Ireland’s best contemporary novelist, stunned an audience gathered in New York to celebrate James Joyce by saying “Ulysses could have done with a good editor.” Warming to his topic, he went on to muse, “You know, people are always putting Ulysses in the top ten books ever written, but I doubt that any of those people were really moved by it.”
People like to tackle Ulysses in part because it’s such a hard read that making it to “the end” is a testament to their intelligence (if not endurance). But no matter how smart they are, few people actually enjoy reading it. The trouble is, even unread, such books can do great harm. According to author Jonathan Franzen, books like Ulysses “send this message to the common reader: Literature is horribly hard to read. And this message to the aspiring young writer: Extreme difficulty is the way to earn respect.” And therein lies the real problem. […] The pleasure doesn’t come from the joy of reading a compelling story as much as from having solved a difficult problem, which is genuinely intoxicating. It makes you feel smart, like doing the Sunday crossword puzzle in ink.«

– Gleichzeitig bricht sie eine Lanze für experimentelles Schreiben, indem sie aufklärt, dass experimentelles Schreiben entgegen landläufiger Meinung gar nicht strukturlos oder chaotisch ist.

 

 

Lisa Crons (schick mit Quellen versehene) Betrachtungen und Zitate aus der Gehirn- und Verhaltensforschung und über Spiegelneuronen sind für mich viel interessanter als beispielsweise die Passagen, in denen sie mit 200 km/h durch den Aufbau einer Story flitzt. Inhaltlich ist sicherlich alles drin was mensch zum Romanschreibenverstehen braucht, nur eben nicht an allen Stellen gleichermaßen geduldig aufbereitet, daher für mich bisweilen ein Fünkchen hektisch. Unterm Strich aber -wegen Originalität und Mehrwert des speziellen Ansatzes, ihres Humors und vieler Einsichten- gebe ich Wired for Story 8 von 10 Punkten.

 

 

Sie hat auch ein paar empfehlenswerte Lehr-Artikel auf ihrer Homepage, ebenfalls humorvoll, gibt gelegentlich auch mal den Mackern der Zunft einen mit.

 

http://wiredforstory.com/8-random-writing-tips/

http://wiredforstory.com/articles-interviews/

 

Hier noch ein paar weitere Artikel von Lisa Cron:

 

2 Ways Your Brain is Wired to Undermine Your Story – And What To Do About It

3 Writing Rules that Can Derail Your Story

6 Ways to Make Sure Your Reader’s Brain Syncs with Your Protagonist’s Brain

 

 

Ich mache also jeden Tag eine Schreibübung von 1-3 Seiten und lese in einem Lehrbuch. Dazu brauche ich ungefähr 90-120 Minuten, etwa so lange, wie ich im November täglich schreiben werde. Ich will das Gefühl haben, dass ich leidlich vorbereitet bin. Es mag für manche von Euch viel gemütlicher sein, mit ganz frischem Schreib-Esprit und ohne Gehirnforschungsvorbereitung an die Sache heranzugehen. Lasst mich wissen, was Euch beim Schreibenübenlernen geholfen hat.

 

 

(In einem vorherigen Artikel schon erwähnt, und bezogen auf alle kreativen Vorhaben, nicht nur auf das Schreiben: Für mich war Julia Camerons Workshopbuch „Der Weg des Künstlers“ sehr hilfreich. Ohne dieses Buch wäre ich wahrscheinlich mein Leben lang kreativ verklemmt geblieben. Manche Übungen sind aber mit Vorsicht zu genießen, weil sie ins Therapeutische gehen, aus Biografiearbeit bestehen oder psychoanalytisch angehaucht sind. Dergleichen kann bei einigen Leuten zu viel ungutes Biografiekino mit unabsehbaren Folgen auslösen. Diese Übungen bitte mit Bedacht und Selbstfürsorge anwenden, im Zweifelsfall überspringen.)

 

 


 

*PBV: kurz für ›privilegienbedingte Verweichlichung‹. S. 597, Susan Arndt & Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.) | Wie Rassismus aus Wörtern spricht 1. Auflage | Mai 2010 | ISBN 978-3897715011 | UNRAST-Verlag Münster

*


Verwandte Posts

 

Post a Comment