Aus der Hinteren Reihe: Unterricht mit vertauschten Rollen und bizarren Vorkommnissen

Auftrag: Eine Doppel-Schulstunde Lesung aus meinem Buch „Deutschland Schwarz weiß“ vor SchülerInnen der 13. Jahrgangsstufe eines Gymnasiums in NRW, ab 10h.

Gedächtnisprotokoll

9:30

Ein freundlicher Lehrer stellt sich vor und fragt mich, ob ich nach meiner Lesung noch diskutieren werde. Ich verneine und empfehle ihm, das Gehörte sich erst setzen zu lassen – um es anschließend in Gruppen im Unterricht weiter zu besprechen und aufzuarbeiten.
Der Lehrer muss während meiner Lesung eine andere Unterrichtsstunde halten, er „übergibt“ daher die Klasse für diesen Zeitraum an seinen Kollegen, einen Geschichtelehrer, etwa in meinem Alter. Dieser sitzt während der Lesung hinter den SchülerInnen. Es sind PoC- und weiße SchülerInnen anwesend.

10h

Beginn der Lesung, Einführung in Stand der Wissenschaft und Stand des Mainstream, postcolonial studies, kritische Weißseinsforschung, Privilegienliste.

10:30

Frage von mir: „Hatten Sie Kolonialismus im Geschichte-Unterricht?“ Antwort der Schüler: nein. Ein Schüler sagt dazu: „ist ausgefallen“. Ich bemerke, dass das interessant sei und gebe einen kurzen Überblick über Deutschlands koloniale Aktivitäten, mit Augenmerk darauf, wie Hagenbecks Völkerschauen Entmenschlichungsbestrebungen unterstützten, wie Europa durch seine Kolonialaktivitäten ökonomische Vorteile entstanden sind, welche Rolle Rassismus bei der Rechtfertigung der Kolonial-Aktivitäten und -Überfälle spielt, usw. Der erste Teil des Überblick-Textes endet mit den Worten „Das haben Sie vermutlich nicht im Geschichte Unterricht gelernt“.

Der Geschichtelehrer ruft dazwischen „Doch, wir hatten sehr wohl Kolonialgeschichte“. Ich erkläre, dass es bei meinem Vortrag um die verschiedenen Perspektiven und Betrachtungsweisen geht, vor allem solche außerhalb eurozentrischer oder kolonialverharmlosender. Der Lehrer möchte wohl direkt in einen Dialog treten und ruft aus der letzte Reihe etwas wie „aber das hat Gründe warum das nicht durchgenommen wird, das liegt an Unterrichtskürzungen…“ usw. Ich entgegne, dass es mir zunächst ganz leidenschaftslos um die Feststellung der Tatsache geht, dass das Thema kaum oder einseitig im Unterrichtsmaterial abgebildet ist, dass das sicher auch seine Gründe habe, dass die Lehrerschaft dies ja analysieren oder ändern könne. Er will weiter diskutieren. Unruhe in der Klasse, in erster Linie seitens des nicht zufriedenen Geschichtslehrers. Ich versuche, in Ruhe weiterzulesen. Die SchülerInnen sind sehr aufmerksam.

10:40

Wir sind immer noch im Kapitel Kolonialgeschichte und ihre Auswirkungen.
Der Lehrer unterbricht erneut. Er fordert eine Diskussion nach der Lesung. Ich teile ihm mit, dass ich nicht klassischen Unterricht halten werde, auch nicht diskutieren, sondern dass ich vorlese. Ich empfehle auch ihm, dass das Gehörte und Gelernte anschließend im Unterricht und/oder in Gruppenarbeit besprochen und aufgearbeitet werden sollte.

Die meisten SchülerInnen hören immer noch sehr aufmerksam zu. Nur drei bis vier, die vor dem Lehrer sitzen, beugen sich nach hinten und tuscheln mit ihm. Ich lese vor, in welchen Jahren es welche Widerstände gegen Kolonialüberfälle gegeben hat, und wieviele Menschen durch deutsche Kolonialtruppen ermordet worden sind. Die SchülerInnen, die vor dem Lehrer sitzen, lachen und grinsen während ich von Völkermord und Entmenschlichungspropaganda lese. Ich sage deutlich und scharf, dass ich das überhaupt nicht komisch finde. Bis auf diese hintere Reihe kehrt nun wieder Ruhe ein.

10:50

Der Lehrer meldet sich. Er habe eine Verständnisfrage. Ich sage, dass ich zu ende vortragen werde und keine Frage-Runde vorgesehen ist. Er ruft seine Frage darauf hin in den Raum: „was heißt denn PoC??“ Das gibt Aufschluss darüber, wie gut er sich auf den Themenkomplex und meinen Vortrag in seiner Schule vorbereitet hat.
Ich frage die SchülerInnen, ob ich etwa vergessen hätte, eingangs zu erklären was PoC sind? Vier von ihnen verneinen und sagen, dass das „People of Color“ bedeute und ich das vorher schon erklärt habe. Ich füge noch einal hinzu, dass PoC das eine politische Selbstbezeichnung sei und lese weiter.

11h

Ich lese über rassistische Darstellungstraditionen in Spendenwerbung, am Beispiel der UNICEF Blackface Kampagne. Erneut Unruhe auf den hinteren Plätzen. Der Geschichtelehrer ruft schon wieder dazwischen, nun merklich emotional, und fragt erneut nach einer anschließenden „Diskussion“. Ich antworte ihm dazu dasselbe noch einmal: dass der Stoff anschließend in der Gruppe ohne mich aufgearbeitet werden solle, dies gerade kein Workshop sondern eine Lesung -also Input – sei, und ich zunächst einmal einfach vortragen werde. Darauf hin empfiehlt der Lehrer den SchülerInnen, die Lesung zu verlassen und stattdessen in ihre Leistungskurse zu gehen. Gut die Hälfte der circa 25 SchülerInnen befolgt diesen Rat wobei die meisten der PoC SchülerInnen bleiben.
Leistungskurse sind wichtig und es ist Prüfungszeit. Ich empfehle allen SchülerInnen, ihre Leistungskurse zu besuchen. Der bemerkenswerte Zeitpunkt für die Empfehlung des Lehrers wirft jedoch die Frage nach der Intention auf und lädt zum Erforschen von Meta-Ebenen ein. Warum hat er nicht vorher allen SchülerInnen freigestellt, die Lesungsstunde jederzeit zu verlassen? Warum hat er vor seiner Empfehlung nochmals nach einer Diskussion „gefragt“ (richtiger: diese versucht, einzufordern)?

Ich lese weiter. Die letzten beiden Kapitel sind die „Liste dummer Sprüche“ und institutioneller Rassismus (anhand der beiden Beispielfälle Oury Jalloh und Ndeye Mareame Sarr).

11:15

Die Lesung ist zu ende, SchülerInnen klatschen.

Ich biete ihnen allen an, mir ihre Mail-Adressen aufzuschreiben, damit ich ihnen die Geschichte-Tafeln aus dem Buch zusenden könne.
Ich gebe auch noch eine Anregung, wie sie sinnvoll in der Gruppe unter sich oder im Unterricht das Thema weiter bearbeiten könnten: mit dem Versuch von Judith Katz, möglichst ausführlich eine Gesellschaft zu beschreiben und sich auszumalen, die rassistisch sei. Ich empfehle dazu, zusätzlich ebenfalls ausführlich eine Gesellschaft zu beschreiben, die nicht rassistisch sei. Genauere Fragestellungen, die sich für diesen Gruppen- oder Selbstversuch benutzen lassen, will ich ihnen ebenfalls gerne zusenden.
Etwa die Hälfte der in der Lesung verbliebenen SchülerInnen möchte eine solche Mail bekommen und trägt sich vorne am Pult bei mir ein.

Ich beende offiziell die Schulstunde. Die Klasse löst sich schnell auf. Der Geschichtelehrer verlässt den Raum.

Einige Schüler (weiße und PoC) kommen zu mir und entschuldigen sich für das Verhalten ihres Lehrers.
Sie beschreiben, wie sie die Situation wahrgenommen haben und äußern sich erstaunt und unerfreut über seine Unterbrechungen und seine Empfehlung, den Unterricht zu verlassen.

Ich werte die Einschätzung der SchülerInnen positiv und packe meine Sachen zusammen.

Als alle SchülerInnen aus dem Zimmer sind, kehrt der Lehrer rasch zu mir ins Klassenzimmer zurück. Er schüttelt mir die Hand, zittert dabei aber vor Aufregung und sagt laut „das waren keine Wahrheiten was Sie da erzählt haben, das sind alles nur Thesen, das stimmt so nicht. Das ist nicht wahr!“ Sofort macht er auf dem Absatz kehrt und stürmt aus dem Klassenzimmer.
SchülerInnen, die vor der Tür standen und die Szene beobachtet haben, äußern sich amüsiert über die hohe Emotionalität und kritisch über den Grad der Unhöflichkeit des Lehrers. Ich selbst bin über die RI-Performance nicht direkt verwundert (sie hatte sich angedeutet und ist auch ein klassisches Reaktions-/Abwehrmuster), hätte sie aber in der gezeigten Offenheit nicht erwartet. Schließlich gibt die so agierende Person sich dadurch auch eine Blöße.

11:30

Ich werde vom Veranstalter zum Bahnhof gefahren. Er empfiehlt mir, in Zukunft gleich klarzustellen, dass ich keine Diskussionen nach der Lesung durchführe.
Ich entgegne ihm, dass ich mich nicht zuständig fühle, präventiv auf eventuelle Anspruchskulissen einzugehen, sondern dass man mich durchaus fragen könne, wie ich eine Lesung halte, und ich darauf gerne Auskunft gebe – was etwas ganz anderes ist als Ansprüche zu bedienen. Ein gutes Negativbeispiel für hohe Emotionalität und Abwehr (die eine sachliche Diskussion verhindern und somit ein Grund dagegen sind, im direkten Anschluss offene Fragerunden durchzuführen) hätten wir ja soeben auch vorgeführt bekommen.

12h

Ich beschließe, dieses Gedächtnisprotokoll aufzuschreiben so lange es noch frisch ist, denn es wäre zu schade, das Geschehene nicht im (fortgeschrittenen/intermediate) critical whiteness Kontext weiterzugeben. Ich schätze die Situation als vieldimensional und spannend ein, als lehrreich und analysewürdig.

HIER findet sich ein Arbeitsblatt dazu für Übungen und Workshops. Es ist freigegeben gegen Nachricht, wann es von wem mit welchen Gruppen verwendet wurde. (Freigegeben zur Verwendung mit Gruppen, nicht zur Spiegelung oder Veröffentlichung.)

Hier im Blog kann ebenfalls diskutiert oder zusammen gearbeitet werden (für Fachkundige bzw in kritischer Weißseinsforschung Fortgeschrittene).

4 Comments
  • Ayla
    Antworten

    Liebe Frau Sow,> > das alleine zeugt schon von Rassismus, wenn vermeintliche „Vorfahren“ (in diesem Fall, deutsche Kolonialtruppen) in Schutz genommen werden müssen und historische Fakten als persönlicher Angriff> gedeutet werden, wie von dem Geschichtslehrer. Die Ignoranz und Arroganz der> Weissen Mehrheitsgesellschaft ist in meinen Augen zum Teil erschreckend. Ich> finde man rennt oft gegen Mauern, deshalb bewundere ich Sie umsomehr, dass> Sie ihr Ding durchziehen. RESPEKT!!> > Kanak Attak wurde in Köln zuletzt gar als rassistisch beschimpft, weil sie> den Film das weiße Ghetto mehreren Schulklassen aus einem marginaliserten> Quartier gezeigt hatten. Ein Lehrer fühlte sich derart angegriffen, dass er> mit hochrotem Kopf aus dem Saal stürzte. Wenn aber vermeintliche Ghettos> tagtäglich thematisert werden, weil damit gegen Migranten in vermeintlichen> Parallelgesellschaften und die angebliche Desintegration gehetzt werden kann,> empört sich (fast ) niemand. In diesem Sinne– the show must go on.

    30. November 2009 at 23:30
  • Facebook
    Antworten

    via facebook:
    „Hey Noah, wirklich gut das du es aufgeschrieben hast! Ist „Anschaungsmaterial“ für diverse Spielarten der Verleumdung und zeigt, im Falle dieses Lehrers, die nackte Angst vor Kontrollverlust und Demaskierung, finde ich. Fast Lehrbuchartig! Danke Noah!!!!“

    3. Dezember 2009 at 19:28
  • Andreas
    Antworten

    ..ueberfluessig zu erwaehnen, dass das vom Lehrer angefuehrte Argument, die Nicht-behandlung der Kolonialverbrechen ginge auf ‚Unterrichtskuerzungen‘ zurueck, nicht nur dreist, weil ganz offenbar in dieser Allgemeinheit unzutreffend, sondern auch ueberaus beredt ist: Kollonialismus als peripheres Thema, das unter den ersten Themen ist, die angeblichen Unterrichtskuerzungen zum Opfer fallen. Aus meinen privaten Gespraechen mit Lehrern, inebsondere sog. ‚alt-68ern‘ geht im uebrigen hervor, dass man in gewissen deutschen ‚linken‘ Kreisen das Behandeln der ‚Kolonialgeschichte‘ als Mittel persoenlicher Profilierung betrachtet, das muendet in die Feststellung, es gaebe an deutschen Schulen ‚kein Problem‘ mit der ungenuegenden Repraesentanz der Kolonialverbrechen im Unterricht, weil man sie ja selbst regelmaessig im Unterricht vermittele. Der wirkliche Hintergrund fuer diese Profilierungsssucht wird einstweilen aber erst dann voellig klar, wenn im selben Atemzuge die ‚alt-linken‘ Haltungen zu anderen geschichtlichen Themen praesentiert werden: hier ist ploetzlich Versailles ‚allein Schuld‘ am Zweiten Weltkrieg, auch am Holocaust, ‚jedes andere Land haette ebenso gehandelt‘, eine Feststellung, die man deutschen Schuelern im Unterricht offenbar parallel, gleichsam als ‚Korrelat‘ zur Darstellung der Kolonialgeschichte, zu vermitteln imstande ist, in diesem Sinne ist das Bild von den ‚guten Deutschen‘ dann wieder relativ stimmig.

    5. Dezember 2009 at 00:36
  • xerxes
    Antworten

    ..ueberfluessig zu erwaehnen, dass das vom Lehrer angefuehrte Argument, die Nicht-behandlung der Kolonialverbrechen ginge auf ‘Unterrichtskuerzungen’ zurueck, nicht nur dreist, weil ganz offenbar in dieser Allgemeinheit unzutreffend, sondern auch ueberaus beredt ist: Kollonialismus als peripheres Thema, das unter den ersten
    Themen ist, die angeblichen Unterrichtskuerzungen zum Opfer fallen. Aus meinen privaten Gespraechen mit Lehrern, inebsondere sog. ‘alt-68ern’ geht im uebrigen
    hervor, dass man in gewissen deutschen ‘linken’ Kreisen das Behandeln der ‘Kolonialgeschichte’ als Mittel persoenlicher Profilierung betrachtet, das muendet in die Feststellung, es gaebe an deutschen Schulen ‘kein Problem’ mit der ungenuegenden Repraesentanz der Kolonialverbrechen im Unterricht, weil man sie ja selbst regelmaessig im Unterricht vermittele. Der wirkliche Hintergrund fuer diese Profilierungsssucht wird einstweilen aber erst dann, zumindest in diesem Falle, voellig klar, wenn im selben Atemzuge die ‘alt-linken’ Haltungen zu anderen geschichtlichen Themen praesentiert werden: hier ist ploetzlich Versailles ‘allein Schuld’ am Zweiten Weltkrieg, auch am Holocaust, ‘jedes andere Land haette ebenso gehandelt’, eine Feststellung, die man deutschen Schuelern im Unterricht offenbar parallel, gleichsam als ‘Korrelat’ zur Darstellung der Kolonialgeschichte, zu vermitteln imstande ist, in diesem Sinne ist das Bild von den ‘guten Deutschen’ dann wieder relativ stimmig.

    7. Dezember 2009 at 19:42

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