armes Deutschland in der U-Bahn

[updt]
meine schönsten Reise-Erlebnisse.

eines der lustigeren Beispiele für Zero Tolerance:

ich steige in die angenehm temperierte U-Bahn. Der Zug fährt aber nicht an.
Nach zwei Minuten Warterei kommt der Zugführer ins Abteil und fragt „hat hier jemand den Notruf betätigt“? Alle sehen sich verwundert an. Nach kurzer Reaktionszeit geben zwei alte Frauen (sehr gepflegt, schick, optisch eher Taxi-Kundschaft) es zu: „ja, hier“. Der Fahrer: „wieso, was ist los?“ Frau: „hier ist es ja so warm, können Sie mal die Heizung runterdrehen?“
Ich möchte betonen, dass es a) der Zug zum Bahnhof war, b) nach 5 Stationen
(= in 7 Minuten) sowieso Endstation gewesen wäre, und c) keine der Frauen den Eindruck akuter Gefäßkrankheiten machte (klar, das kann man von aussen nicht erkennen, aber wer in der Lage ist den Notruf zu drücken weil ihr „zu warm“ ist, die holt garantiert auch die dramatischeren Eckpunkte ihrer jüngsten Krankengeschichte raus wenn sie nach dem Grund der Unbill gefragt wird).

Der Schaffner reagiert so überrascht wie höflich, lässt sich übrigens keinerlei Unmut anmerken, sagt, die Heizung könne er nicht regulieren, und geht wieder nach vorne.

Wir fassen den Grund des Notruf-Stops zusammen: 2 Frauen, die Wintermantel trugen (!) war es zu warm. 7 Minuten vor der Endstation. im Zug zum Bahnhof.
&$##$§“!**!“$$ Die Hälfte der Mitreisenden hat garantiert ihre Züge verpasst. Trotzdem, wegen des fast-greisen Alters und der erfrischend karikaturesk-überheblichen Attitüde der Frauen, schimpft niemand im Wagen, sondern man sieht sich allerseits schelmisch grinsend an, schüttelt vorsichtig den Kopf dazu, lacht leise.

Doch was sagt eine der Frauen, sobald der Zug endlich wieder anfährt?

„armes Deutschland“!!

und die andere:

„so weit ist es mit unserem Land gekommen“.

Und jetzt alle! Ist es

a) Themaverfehlung durch Anspruchsdenken

b) von der, die in den letzten 62 Jahren gelernt hat, dass es tatsächlich dafür Beifall gibt wenn sie die persönlich erlittenen gefühlten Zumutungen dem „Abstieg“ des Landes zuschreibt (äh, welcher Abstieg eigentlich?). Auch wäre es interessant zu eruieren, weshalb die Frauen offensichtlich sich selbst nicht als „Deutschland“ wahrnehmen, ausser sie wollten damit tatsächlich sagen dass sie „arm“ und/aber „weit gekommen“ sind. Hm. Vielleicht auch hier siehe Punkt a)?

Oder ist es vielleicht

c) verdammt richtig, denn Deutschland geht wirklich bergab, weil die Schwelle des Erträglichen für Einige bereits durch öffentliches Nichteinhalten ihrer Lieblingstemperatur überschritten wird.

Angesichts des zu erwartenden Temperaturanstiegs von einigen Grad (der ja immerhin durch den Haarspraykonsum genau der Mädels generiert wurde, die sich jetzt beklagen) kann das noch lustig werden. Was, wenn es irgendwann so warm wird, dass mensch quasi gar keinen Pelz mehr tragen kann ohne den Notruf zu betätigen!?

Ich bin Deutschland. Ich stell mir mal vor, was für ein Orkan von Entrüstung, Personalien-Notierung, gezischte Frechheiten und Ordnungswidrigkeitsbußgelder auf mich eingeprasselt wäre, wenn ich mich so aufgeführt hätte: in der Rush-Hour den Notruf drücken weil mir langweilig und zu warm ist. Nicht auszudenken.
Gut, dass ich gerade zufällig nicht im Pelzmantel unterwegs war.

2 Comments
  • fraglich ist aber ob Du mit pelzmantel überhaupt in die bahn gekommen wärst…nicht das Du da schon herauskomplimentiert wärst..(hmm…schreibt man das so ??…jedenfalls ist das word so oldfashioned und mir fremd wie pelzmantel zu tragen …)
    beste grüsse und danke für den spass an Deiner Erzählung

    19. April 2007 at 17:50
  • sandra löwe
    Antworten

    danke für diese zeilen, denn sie greifen eine tatsache oder auch situation auf, mit der man sich bzw. ich mich tagtäglich konfrontiert sehe. intoleranz, ignoranz, egoismus, mechanisches handeln und sabbeln ohne zu hinterfragen – schlichtweg ohne gehirn und dummdreist.
    klar ist, dass am ende wohl niemand davon frei ist – bestimmt war ich in der ein oder anderen situation auch schon mal richtig doof…

    da fällt mir ein beispiel ein:
    als radfahrer stehe ich oft an ampeln. es gibt ampeln mit gelben „knöpfen“ und ampeln ohne. diese gelben dinger gibt es mit 2 funktionen – 1. um das fussgängersignal nach einem gewissen zeitraum auf grün zu setzen und 2. um für blinde menschen ein hörbares signal abzurufen.

    nun stand ich wie so oft mit meinem fahrrad an einer roten ampel. diese ampel hatte einen gelben knopf für die hörfunktion – nicht für das umschalten auf grün, denn das macht die ampel sowieso – auch wenn es an dieser ampel immer seeeehr laaaaaange dauert.
    an besagter ampel stand ein herr, der telefonierte und es obendrein auch noch eilig hatte. als es ihm nicht schnell genug ging, haute er mehrmals hektisch mit der flachen hand auf den gelben knopf – ohne sichtbares ergebnis, wen wundert’s….
    hin und wieder halte ich meinen mund, wenn ich so etwas „doofes“ sehe. bringt ja eh nichts. diesmal sollte es jedoch anders sein. nachdem er den vorgang mit dem hektischen gelbknopfschlagen wiederholte sagte ich ihm, dass ihm das ganz sicher nicht helfen würde, weil dieser knopf für schwerhörige sei….. nachdem er trotzdem nochmal schlug, wiederholte ich meinen blödsinn….. für schwerhörige – ojeh.
    eine ampel später ging mir erst auf, was ich da gesagt hatte….

    fazit für mich: es gibt oft situationen, in denen ich mich über andere menschen echt nur wundern und manchmal sogar ärgern kann – aber am ende bin ich manchmal hier und da selbst jemand, über den man sich wundern kann. nobody is perfect, dennoch sollte man in manchen situationen seine mitmenschen einfach mal aufwecken aus ihrem trott oder ihrer engstirnigkeit. es lohnt sich.

    5. Mai 2007 at 12:54

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