Interview »Herkunft«

*

Wie geht man damit um, wenn man gefragt wird „Und wo kommst du/deine Eltern/usw. ursprünglich her?“?

 

Wie wir auf Distanzlosigkeiten reagieren, ist bei jeder Person und Situation unterschiedlich. Ich finde es wichtig, sich daran zu erinnern, dass Grenzüberschreitungen deshalb so gruselig sind, weil sie regelmäßig aus heiterem Himmel ausgeübt werden, und weil es auf eine solche Attacke eben oft gar keine „patente“ Reaktion gibt. Ich persönlich habe zwar eine ‚zero-bullshit‘ Grenze, aber die kann ich nur Menschen mit starken Nerven empfehlen. Die Verweigerung einer Schwarzen Frau, ethnologische Neugier zu befriedigen, eigentlich egal welche Anspruchskulisse zu befriedigen, ihren Körper selbstverständlich souverän zu beanspruchen, wird oft mit Aggression beantwortet. Dann wird es gefährlich. Ich verstehe sehr gut, wenn nicht alle die ganze Zeit Lust haben, sich dem auszusetzen.

Was ich besonders schade finde, ist, dass dieses roboterhaft ethnologische Territorialverhalten echte Interaktion total verhindert. Ich bin eine recht lustige und freundliche Person. Aber dadurch, dass meine Freundlichkeit oft als Einfallstor für grenzüberschreitendes Verhalten benutzt wird, werde ich für meine Freundlichkeit regelmäßig sozusagen ‚bestraft‘. Die Begegnungen sehen dann so aus: „Guten Morgen“ – „Hallo“ – „Schönes Wetter.“ – und dann gehen die Leute unvermittelt über zum Anfassen oder zu körperlicher Fetischisierung: „Sie haben ja so weiße Zähne?“/“kommst du aus Brasilien?“/“sind die Haare echt“/„wo du herkommst, ist es ja noch wärmer ha ha“ usw.

Ich kann dem vorbeugen indem ich mich unfreundlicher verhalte als ich eigentlich bin, um generell unzugänglich zu wirken, oder ich kann meine Nerven potentiell belasten lassen jedesmal wenn ich mit einer fremden Person freundlich spreche.

Es gibt in der kolonialen Mentalität keinen Platz für die Abwägung zwischen Neugier und unverschämtem Verhalten. Weil in diesem Sozialisierungsergebnis die Schwarze Frau keine Person mit einem Recht auf normale respektvolle Behandlung ist. Deswegen sind die Leute, die sich daneben benommen haben, dann auch tatsächlich ganz pikiert, geschockt oder beleidigt, wenn ich eine Grenzziehung vornehme. Die erfahren es tatsächlich als Angriff oder unangemessene Belastung für sie, wenn ich sage: „Finger weg“ oder „wir sind nicht per du“ oder „Das ist mein Körper, reissen Sie sich gefälligst zusammen!“. Supremacy ist, wenn die eigene (Neu)gier als wichtiger erachtet wird als die Privatsphäre anderer Menschen. Wenn überhaupt nicht verstanden wird, dass Menschen, die nicht weiß sind, eine Privatsphäre haben.

Man kann die diskriminierende Natur dieses Verhaltens gut daran ablesen, dass viele Leute sich über Datenweitergabe und Überwachung aufregen, aber gleichzeitig Menschen, die nicht weiß sind, über die intimsten und privatesten Dinge abfragen wollen.

 

Wer kann/soll/darf/muss eigentlich bestimmen, welche Herkunft man hat?

 

Ich finde es gut, dass wir den Konsens haben, dass Menschen sich vorbehalten, biografische oder kulturelle Informationen freiwillig mitzuteilen. Das dürfen Menschen, die nicht weiß sind, selbstverständlich auch. Welche „Herkunft“ eine Person hat, geht nun mal niemanden etwas an.

 

Welche Bedeutung hat Herkunft für Sie persönlich und was hat Herkunft eigentlich mit Rassismus zu tun?

 

Meine Herkunft ist Oberbayern, dort gibt es ganz besondere und für Außenstehende nicht immer leicht durchschaubare Tradtitionen, was Rassismus und auch den Widerstand gegen Rassismus angeht. Ich finde es gut, dass ich die bairischen Codes, vor allem unsere subversive Art der politischen Satire, gut kenne und fortführen kann, auch wenn ich in Hamburg wohne.
Vor allem habe ich aber große Bewunderung für diejenigen, die an Orten leben, wo die Gesellschaften, in denen sie sich besonders gut auskennen, wirklich fern sind. Migration ist sicherlich kein Spaziergang. Eine andere Kultur als die Herkunftskultur zu navigieren, und zudem noch Diskriminierung ausgesetzt zu sein, verlangt Menschen viel ab, und ich ziehe meinen Hut vor denen, die das in Kombination erfahren und bewältigen.
Es ist wichtig, Herkunft nicht mit rassisierenden Vorstellungen oder Zuschreibungen zu vermischen. Das Wort wird auch oft als Container für Klischees und kulturalistische Phantasien verwendet, die mit der tatsächlichen Herkunft gar nichts zu tun haben. Häufig wird „Herkunft“ einfach als getarnter Rassebegriff genutzt. Da möchte ich lieber ganz präzise sein und solche Verzerrungen stören. Sie gehen nämlich mit einem Mangel an interkultureller Kompetenz einher.

 

Das Verständnis dessen, was Rassismus bedeutet, ist ja sehr verschieden. Dass man Rassismus nicht bewusst erfährt, heißt ja auch nicht, dass es ihn nicht gibt. Was bedeutet Rassismus für Sie?

 

Rassismus ist keine individuelle Meinung oder Ansicht sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das sich soziologisch, geschichtlich, psychologisch und ökonomisch betrachten und unter allen diesen Gesichtspunkten jeweils gezielt erforschen und definieren lässt. Für die e-book-Version von „Deutschland Schwarz Weiß“ habe ich das Kapitel „Was ist Rassismus?“ jetzt um mehrere Definitionen und Kritik an diesen Definitionen erweitert, um der Vielschichtigkeit des Themas besser gerecht zu werden.
Was die Auswirkungen von Rassismus betrifft, lässt sich sagen, dass Rassismus immer auch Verleumdung ist. Und unterschätzt zu werden, mehr leisten zu müssen für weniger Anerkennung, weniger Chancen und Handreichung zu bekommen, dass das Recht auf Bildung eingeschränkt wird (das zeigen u.a. jüngere OECD Studien, über Deutschland), Terror zu erfahren, also die latente Gefahr willkürlicher Gewalt, und noch vieles mehr.
Für mich persönlich bedeutet Rassismus eine starke Belastung und einen Raub meiner Ressourcen. Ich hätte mit 16 Jahren das Abitur bestanden, wenn ich nicht mit den Lehrern über das Lernziel der Intelligenzunterschiede der Rassen hätte streiten müssen. Vielleicht wäre ich dann gleich eine gute Biologin geworden und hätte ein neues Mittel gegen Malaria gefunden? Spekulation beiseite, ich könnte jedenfalls heute viel ungestörter arbeiten, forschen und unterrichten, wenn ich nicht ständig mit kolonialen Mentalitäten zu tun hätte. Ich könnte in meinem eigenen Land öffentliche Verkehrsmittel nutzen ohne immer die Bedrohungslage mit einplanen zu müssen. Ich bräuchte weniger Kopfschmerztabletten und würde das Geld in das Sparbuch für meine Nichte investieren.

 

„Rassismus ist nicht das Problem Rechtsextremer sondern ein Problem in der Mitte der Gesellschaft.“ – Warum wird dieser Grundgedanke so oft anders gesehen?

 

Weil es praktischer und bequemer ist, negative Charakterzüge bei anderen zu suchen. Das schützt das Selbstbild. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass viele Aggressoren die Schuld an ihrer Gewalt auf andere schieben? „Sie ist schuld, sie hat mich provoziert“, sagen die zum Beispiel, sogar noch wenn sie vor Gericht stehen. Oder „das war doch lustig gemeint“ nach sexistischer Belästigung. Das ist der Versuch, gleichzeitig Gewalt auszuüben und sich trotzdem noch als moralisch integer zu begreifen. Selbst die schlimmsten Leute wollen nicht als Arschloch dastehen.

 

Rassismus ist im Alltag so präsent und wird aktuell vor allem am Beispiel der USA in der breiten Öffentlichkeit thematisiert. Dennoch wird oft immer noch nicht gesehen, dass Rassismus ein Thema ist, das alle angeht und vor allem auch in Deutschland ein alltägliches Problem darstellt. Wo stehen wir heute in Sachen Rassismusbekämpfung/Antirassismus-Arbeit und was hat sich (auch für Sie persönlich) rückblickend seit der Erstveröffentlichung von Deutschland Schwarz Weiß 2008 getan?

 

Ich denke, dass sich viel getan hat, dass es Rückschritte gab und Fortschritte, wie in jedem Kampf für Menschenrechte, möchte das aber nicht auf ein Buch zurückführen sondern auf die Aufklärungsleistungen ganz vieler Aktiver. Inzwischen wird immer häufiger im deutschen TV der Zusammenhang benannt zwischen der Grenzpolitik der EU und den zugrunde liegenden rassistischen Motiven und kolonialen Haltungen. Das gab es früher kaum und wir haben diese politische Bildung den Geflüchteten zu verdanken.
Es stimmt: wenn in einem anderen Land weiße Polizisten Schwarze Menschen töten, werden das Weißsein und der Rassismus benannt, und auch immer öfter der strukturelle Zusammenhang von Rassismus in dem Land mit Armut- und Reichtumsverteilung, Kriminalisierung, etc. Im Bezug auf Deutschland ist das alles noch immer stark tabuisiert, weil es eine deutsche Lieblingsbeschäftigung ist, andere zu belehren in Angelegenheiten, die wir selbst nicht richtig auf die Reihe bekommen.
Was Antirassismusarbeit angeht, kann ich nur von meiner eigenen sprechen, weil unzählige Leute und Gruppen unzählige verschiedene Ansätze haben. Ich selber versuche inzwischen, mich so wenig wie möglich mit den Ausübenden von Rassismus zu beschäftigen. Rassismus hat ja zwei Seiten. Die einen teilen ihn aus, und die anderen werden durch ihn belastet. Wenn ich mich vornehmlich mit Austeilern beschäftige, habe ich meine Zeit nicht auf die verwandt, die viel wichtiger sind. Dann hätte ich auch das Gefühl, der Ordnung gefolgt zu sein, dass die Empfangenden von Rassismus vernachlässigbar sind. Deswegen beschäftige ich mich jetzt gezielter und viel lieber damit, Menschen und Projekte zu stärken, die Rassismus bekämpfen indem sie überleben und indem sie Schwarze Stimmen, Beiträge, Kunst und so weiter autonom artikulieren.

 

Die Fragen stellte Alexandra Helscher.

* Erschienen in: Fiebig, C. & Klotmann, E. (Hrsg.). (2015). vhs.Programmzeitschrift September 2015 – Februar 2016. Herkunft. vhs.Böblingen-Sindelfingen e.V., 20.7.2015