Warum nicht 100% der Menschen „mit Migrationshintergrund“ lust haben, zu wählen

aka Überlegungen zur Bundestagswahl, die Qual der Wahl und warum es Sinn machen kann, eine kleine Partei zu wählen, die keine Chance hat.

 

 

Video-Transkript:

 

Ich habe eine Anfrage bekommen von irgendeinem Vereins… Stiftungs… Dings, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration und Integration und defizitärlabelnde Ausgrenzungsgruppenkonstrukte – ich solle bitte ein Statement abgeben, dass die „Menschen mit Migrationshintergrund“
wählen sollen, denn von den „Menschen mit Migrationshintergrund“ würden viel zu wenige wählen. Und deswegen macht diese Organisation eine Kampagne, in der alle möglichen [] Gestalten unbestimmter Berufsbezeichnung dafür werben, zu wählen. Weil das wählen „so ein wichtiges Beteiligungsinstrument ist in einer Demokratie“:

„Wir wünschen uns, Dass Sie als Figur des öffentlichen Interesses in einem Statement deutlich machen, welche Bedeutung Sie freien, gleichen und demokratischen Wahlen beimessen.“

 

Da musste ich erstmal gründlich nachdenken. Und dann dachte ich mir

Wtf.

 

1.

„Migrationshintergrund“.

Seid doch gefährlichst ehrlich und sagt Schwarze, Araber und sonstige []. Wo sind denn die Schweden und Schottinnen und Niederländer in der Kampagne? Übrigens bin ich bei letzteren nicht sicher, dass eine hohe Wahlbeteiligung wünschenswert ist. Weil, was da rauskommt, das sehen wir ja.

 

2.

„ Ziel des bundesweit angelegten Projektes ist es, auf die zentrale gesellschaftliche Bedeutung der Wahlbeteiligung aufmerksam zu machen.“

Die denken tatsächlich, wir wählen nicht, weil wir nicht verstanden haben, dass das eine Beteiligungsmöglichkeit ist. Genau die Haltung ist es doch, die jedes aufkeimende Motivationsfünkchen an Beteiligung im Keim vernichtet.

„Ey, die Leute die wir ausgrenzen, sind zu doof, zu checken, wenn sie gegen ihre eigene Ausgrenzung abstimmen könnten…“

Nicht auf die Idee zu kommen,

dass es andere Gründe geben könnte, als es nicht verstanden zu haben, wenn [Leute] nicht wählen. Ich sag euch ein paar Gründe:

 

– zB sich in keiner Partei vertreten fühlen zu können, schon allein aus rein demografischen Gründen

 

– zB zwischen Grauen und Hölle und Horror und Albtraum sich noch nicht ganz entschieden zu haben. Wollen wir jetzt Antisemitismus gegen Rechts, oder darwinistischen Brutalokapitalismus mit Dieselwerbung für Diversität, oder Neokolonialismus für wirtschaftliche Stabilität, oder religiöse Heuchelei gegen religiöse Heuchelei, oder König Joffrey für Innere Sicherheit? Oder Umweltschutz für Xenophobie… ich kann mich einfach nicht entscheiden.

 

Diese und viele weitere Gründe könnten es sein, aus denen Menschen freiwillig nicht wählen.
Aber geht ruhig erstmal davon aus, dass es daran liegt, dass wir was nicht verstanden haben. Sind ja auch alle ’n bisschen Bildungsbenachteiligt gewesen, neh?

 

So. Jetzt bin ich voll in dem Dilemma, denn ich will natürlich auf keinen Fall diese Anfängerbude , die diese Kampagne macht, gratis beraten. Hab ich hiermit aber schon gemacht. Und ich will auf keinen Fall irgendwas von den Sachen tun, die die sich von mir wünschen. ABER ich finde es tatsächlich wichtig, diesmal zu wählen, allerdings aus rechnerischen Gründen:

 

1) die ganzen AFD Clowns werden garantiert wählen.

 

2) jede Enthaltung hilft unmittelbar den stärksten Parteien. Nicht zu wählen ist rechnerisch dasselbe, wie Schwarz oder Rot zu wählen. Es is sogar so, dass, wenn ich nicht wähle, ich die größte Partei, zu der ich am wenigsten tendiere, am meisten unterstütze.

 

Mein Dilemma war folgendes: Ich würde eigentlich eine kleine neue Partei wählen, die minimal vielversprechend ist und eventuell gute Ansätze haben könnte, die ich eigentlich unterstützten will, aber ich dachte mir, das kann ich mir schenken, weil die so klein sind, dass sie ja eh nichts ausrichten können.

 

Also habe ich mit dem Gedanken gespielt, eine mir am wenigsten fruchtbar vorkommende große Partei zu wählen. das funktioniert aber auch nicht.

Weil eine Partei eine Stimme als Bestärkung ihrer derzeitigen Linie auffasst, und nicht als Hoffnung dass sie sich bessert. Also, aus Verzweiflung und Hoffnung eine Partei zu wählen, geht in jedem Fall nach hinten los. Die sind ja auch so eingebildet, die posten Bilder, auf denen sie neben Postern von sich selber stehen und ein Selfie machen, und machen daraus dann das Plakat für nächstes Jahr.

 

Aus purer Verzweiflung eine große Partei wählen, geht demnach nicht. Und nicht wählen, würde ebenfalls den Großen helfen. Also. was denn jetzt??

 

Und schließlich habe ich doch noch einen guten rechnerischen Grund gefunden, eine kleine Partei zu wählen, die keine Chance hat, in den Bundestag zu kommen, nämlich die Parteienfinanzierung.

 

Kleine Parteien brauchen minimum 0,5% Stimmen, damit sie Parteienfinanzierung kriegen. Dann kriegen sie für jede Stimme Geld. Außerdem fallen sie schneller auf. Wenn die kleine Partei plötzlich 0,5% überspringt und somit offiziell stattfindet, wird über ihre Themen auf einmal gesprochen und sie werden beachtet. Auch von den Medien. Auch die großen Parteien schauen sich die kleine Partei dann vielleicht genauer an.
Also werde ich das wohl so machen.

 

Die kleine evtl. sympathische neue Partei, von der ich spreche, ist übrigens nicht die nicht neue Partei mit dem Motto bekokste Zynikermacker, die noch kaputter und tragischer sind als Politiker, versuchen, sich über Politiker lustig zu machen. Die nicht.

 

(!! Ich glaub‘ mein Fufu brennt an…)

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