Interview mit Sharon Dodua Otoo: »Schreiben im Community-Style«

Allen, die davon träumen, ein eigenes Buchprojekt zu realisieren, empfehle ich wärmstens den internationalen Schreibe-Support-Monat „NaNoWriMo“. Hier steht mehr darüber. Er naht schneller, als meiner Szenentabelle lieb ist (ich bin gern gut vorbereitet, ansonsten wird aus Heimatkrimi bei mir fix versehentlich Science-Fiction-Kochbuch-Sachtext-Bedienungsanleitungs-Splatter).

Anlässlich des vergangenen NaNoWriMo habe ich Sharon interviewt. Ihr wisst schon, die diesjährige Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin, Herausgeberin, Verlegerin und Community-Aktivistin! Wie das hektische Leben so spielt, ging die Zeit seither hinterrücks übertrieben schnell vorbei, Mea Culpa.

Jetzt habe ich mich aber zusammengerissen und das Interview endlich mal ordentlich für den Blog formatiert. Geht ja gar nicht, so etwas so lange zurückzuhalten (siehe letzte Frage).

 


 

N: Sharon, Du gibst Bücher heraus, betreibst eine Verlagsedition und schreibst auch selbst Kurzgeschichten und Erzählungen in Romanlänge. Hängen diese Tätigkeiten als logische Folge miteinander zusammen? Oder hat es sich für Dich zufällig oder aus anderen Gründen so ergeben?

 

S: Die hängen eindeutig zusammen. Das Ganze hat sein Ursprung in Aktivismus: ich will mit den Mitteln, die mir zu Verfügung stehen, mein Beitrag dazu leisten, dass es mir, meine (Wahl)Familie und meiner Community immer besser geht. Ich bin außerdem dem Rat von Toni Morrison gefolgt und schreibe die Geschichten, die ich
selber immer mal gerne lesen wollte. Aber, dazu muss ich sagen, als ich angefangen hatte, hatte ich das Glück und Privileg mit einem linken Verlag zusammenzuarbeiten, wo vieles sehr gut geklappt hat. Ich profitierte von deren Erfahrungen und Netzwerken. Und darum habe ich gedacht, es wäre wichtig mit weiteren Autor_innen diesen Zugang zu teilen.

 

Die Frauen in deinen Geschichten sind alle unheimlich lebendig und ich denke immer, ich kenne sie schon seit zehn Jahren. Sie wachsen mir sofort ans Herz. Aber keine von ihnen ist ein Klischee, es ist, als würden sie wirklich leben und atmen! Wie bekommst du das hin? „Kopierst“ Du echte Personen, die Du kennst? (und falls ja, was machst Du, wenn eine das bemerkt?)

 

So eine schöne Frage! Jetzt kann ich endlich auspacken….Hehehe. Nee, das sind keine echten Personen. WIRKLICH NICHT! Aber die Figuren haben Eigenschaften die ich von mir oder meinen Bekanntschaften kenne. Mir geht es nicht darum, mit der Zeigefinger auf jemensch zu zeigen, sondern irgendwie einfach zu thematisieren: „mal ehrlich – wir sind nicht immer alle so schlau und schlagfertig, wie unsere Facebook-Profil uns aussehen lassen, oder?“ Darum, selbst wenn ich eine echte Person beschreiben würde, würde sie hoffentlich erkennen, dass ich genau diese Eigenschaften, die ich beschreibe, auch in mir kenne. Und ich behaupte mal, wir haben sie (mehr oder weniger ausgeprägt) alle.

 

Wie ist deine Vorgehensweise, wenn Du eine Erzählung schreibst? Überlegst Du Dir so viel wie möglich vorher (plotter) oder schreibst Du von einem Ausgangspunkt drauflos (pantser)?

 

Pantser all the way. Auch wenn ich mal versuche zu plotten, überlegen es sich die Figuren anders und machen was sie wollen. Also ich gebe die Kontrolle ab und schaue mir die Entwicklung der Geschichte an.

 

Kannst Du kurz Deine Schreibroutine mit uns teilen? Um wieviel Uhr fängst Du an, wie lange schreibst Du am Stück, welche Software verwendest Du, musst Du alleine sein, hörst Du Musik, schreibst Du an einem Buch jeden Tag oder jahrelang in Intervallen, etc.

 

Ahh das mit der Routine – ja, das wollte ich immer mal ausprobieren. Hehehe. Aber im ernst, ich habe manchmal Phasen, wo es mir gelingt, jeden Morgen früh aufzustehen und eine Stunde oder so zu schreiben. Das ist aber eher selten. „Synchronicity“ habe ich geschrieben, als ich die Kitaeingewöhnung mit einem jüngsten Sohn gemacht habe. Ich habe immer so ca. eine Stunde Pause gehabt, saß in einem Café und schrieb ein Kapitel. Das war sehr schön. Meistens aber schreibe ich in meinem Kopf und versuche mich so lange an meinen Ideen zu erinnern, bis ich sie zwischendrin aufschreiben bzw abtippen kann. Manchmal schreibe ich mir selber eine Mail oder eine SMS.

 

Was ich auch sehr gerne mache, ist Feedback einzuholen. Ich schicke das, was ich geschrieben habe, zu verschiedene Personen und hole ihre Meinungen dazu ein. Ich finde ja, Bücher sind nicht an sich fertige Werke sondern entstehen in der Kommunikation mit den Lesenden. Darum interessiert mich das sehr, was verschiedene Leute aus den Geschichten machen.

 

Du hast schon Publikationserfahrung und mehrere Erzählungen veröffentlicht. Kannst Du denen, die mit dem Schreiben gerade anfangen, einen oder mehrere Tipps geben, von denen Du Dir gewünscht hättest, dass Du sie früher gewusst hättest?

 

The only way to do it, is to do it! Ich habe früher gedacht, ich muss besser sein, bevor ich meine Sachen aufschreibe. Ich muss, keine Ahnung, besser buchstabieren können, oder lustiger sein, oder mehr gelesen haben. Ich habe mich auch oft verunsichern lassen: „Wie willst du später davon leben? Kümmere dich erstmal um deine Hausaufgaben, um dein Studium, um deine Kinder…“ Aber was mir ganz am Anfang geholfen hätte, und was mir später tatsächlich half, war, als eine Freundin zu mir sagte: „Du willst Autorin sein? Dann bist du eine!“ Das war ein toller Moment, total befreiend. Ich möchte alle ermutigen, zu schreiben. Gerne Fehler machen! Das gehört dazu! Aber auf jeden Fall: Schreibt. Tut es.

 

Ohne was kannst Du gar nicht schreiben?

 

Am allerbesten gelingt es mir, am Laptop zu schreiben. Wenn ich mit der Hand schreibe, bin ich ein Tick zu langsam und komme nicht in Flow. Es geht zur Not – wenn ich nichts anderes habe und ich unbedingt sofort meine geniale Idee aufschreiben muss – aber es ist nicht meine erste Wahl. Und ich kann nicht schnell genug Geschichten erfinden, um die einfach zu diktieren. Meine Tippgeschwindigkeit ist also für meinen kreativen Schreibprozess optimal getuned.

 

Was beflügelt Dich beim Schreiben?

 

Wenn ich selber über das, was ich geschrieben habe, lachen kann. Humor ist mir tatsächlich sehr wichtig. Ich habe gemerkt, verschiedene Lesende nehmen unterschiedlichen Sachen in meinen Geschichten wahr. Was die eine Person richtig gut findet, überliest eventuell die nächste Person. Darum ist es zwar toll, wenn Leute mir sagen, dass sie meine Geschichten gut finden, aber am wichtigsten ist es mir inzwischen, dass ich die selbst gerne lese. Ich will aber nicht damit sagen, dass ich sie nicht würde verbessern können. Ich merke gelegentlich: „Ach, da ist das mir nicht so richtig gelungen“ – aber im Großen und Ganzen lese ich meine Sachen sehr gerne :-)

 

Woher nimmst Du die Ideen und Ausgangspunkte für Deine Geschichten? Trifft es Dich wie ein Hammer „DAS IST ES“ oder ist es eher ein leises Gefühl, dass etwas mehr Beachtung und Betrachtung verdient – oder geht es ganz anders vor sich? Kannst Du Dich an einen Moment erinnern, der der Beschluss einer Geschichte von Dir war?

 

Das ist unterschiedlich. Ich habe glaube ich alle Erfahrungen gemacht, die du in der Frage schilderst. Meistens fange ich aber an mit einem Satz, der neugrierig macht. Bei „Synchronicity“ ist es: „Die erste Farbe, die ich verlor, war mein Gelb…“ Ich wusste selber nicht, als ich diese Worte geschrieben habe, wie das Ganze weitergehen soll. Das war ein sehr schöner Schreibprozess. Bei meiner ersten Novelle („die dinge, die ich denke während ich höflich lächele“) war die leise Stimme: „Ich will endlich diese Geschichte aufschreiben, von einer Frau, wie ich: in Deutschland lebend, Mutter Britin, Germanistin, in Trennung lebend, Stress mit Freundschaften… eine Frau die Rassismuserfahrungen macht aber auch selber privilegiert ist. Eine Frau also, die nicht nur leidet und traurig ist, sondern auch eine, über die wir uns durchaus ärgern können.“ Und die eigentliche Geschichte kam später. Ich habe erst Situationen beschrieben und dann irgendwann wuchs eine Handlung daraus.

 

Fiel Dir das Schreiben Schwarzer Frauenfiguren schon immer leicht oder hast Du anfangs eine Art von Druck oder Unsicherheit verspürt? Hintergedanke meiner Frage: auf uns wirken ständig so schwere und komplizierte Gegebenheiten ein, dass es schon schwer genug ist, selbst zu verstehen, was gerade alles abgeht. Geschweige denn, es für andere Leute zu beschreiben, ohne dass es didaktisch, wirr oder total kaputt rüberkommt. Wie schaffst Du es immer wieder, so echtes Leben einzufangen und einzubauen ohne Didaktik, Wirre und Totalzerstörung? Dir gelingen die Figuren und ihre Leben scheinbar mühelos!

 

Wow. Ich finde das eine echt schöne Rückmeldung. Danke erstmal! So genau habe ich noch nicht wirklich drüber nachgedacht. Ich wollte Geschichten über Schwarzen Frauen lesen, ja. Und ich finde, gerade können wir nicht genug neue Geschichten haben! Aber du hast schon recht, ich merke oft beim Lesen von bestimmten Büchern mit Schwarzen Figurinnen (ich weiß das Wort existiert nicht auf Deutsch but whatever), dass ich nicht als die Leserin imaginiert wird. Das tut weh. Besonders wenn es um die Werke von Schwarzen Autorinnnen geht. Also ich glaube, was bei dir ankommt, wenn du meine Bücher liest, ist vielleicht, dass ich wirklich dich als Leserin meine. Ich muss dir bestimmte Sachen nicht erklären – und dann gibt es Platz für weitere Sachen: Humor, Trauer, Wut whatever. Aber Mitleid ist eher nicht dabei.

 

Ja, und ich weiß ziemlich genau, was mir nicht gefällt. Was ich selber beim Lesen eher „meh“ finde. Und dann überlege ich, was ist das genau, was mich daran stört? Zum Beispiel mag ich es nicht, wenn ich das Gefühl habe, ein Autor will mir was beibringen indem er Sachen deshalb ganz eindeutig schreibt. Das gibt es sehr oft in der Kinderliteratur – finde ich völlig unnötig. Kinder und Jugendliche verdienen Besseres. Belletristik mit Figuren, die sich eindeutig in „Gut“ und „Böse“einteilen lassen, landen meistens bei mir auf der Liste „halbfertig-gelesene Bücher“. Ich versuche, meine Figuren so zu schreiben, wie ich denke, dass ich selbst auch bin – mal lustig, mal schlecht drauf, mal höflich, mal total ungerecht. Diese Seiten gehören zu mir. Ich möchte erfahren, wie andere Menschen auch mit ihren verschiedenen Facetten umgehen. Das ist tatsächlich immer wieder spannend, die Figuren in meinen Novellen neu zu kreieren und dann immer besser kennenzulernen…

 

Von welchem Buch hast Du am meisten über Belletristik und Storytelling gelernt?

 

Ich möchte antworten: „Roll of Thunder, Hear My Cry“ von Mildred D. Taylor. Ich weiß nicht, ob es wirklich stimmt, dass ich von diesem Buch am meisten gelernt habe, aber es ist das erste Buch, was mich zum weinen gebracht hat. Und ich war fasziniert. Wie geht das eigentlich? So ein paar Buchstaben auf einem Blatt Papier – wie konnte mich das so berühren? Ich finde das Buch genial: ich fühlte mich (fühle mich noch immer) mit den Figuren eng verbunden. Habe sie lieben gelernt. Und vor allem wollte ich genau diese Gabe, die Taylor offentsichtlich hat, auch haben. Darum habe ich genau überlegt: Wie sollen meine Geschichten bei den Lesenden ankommen? Und dann habe ich immer weiter und immer weiter probiert.

 

Wie handhabst Du beim Veröffentlichen in der eigenen Edition das Lektorat? Beauftragst und bezahlst Du eine Freelancerin dafür, oder bist du hardcore genug, ohne Lektorat auszukommen?

 

Ich bin nicht hardcore! Bisher habe ich mit wunderbaren Leuten zusammen gearbeitet, die mich dabei unterstützten, aber wir alle sind nicht in dem Beruf hauptberuflich unterwegs. Durch den Preisgewinn habe ich jetzt die tolle Möglichkeit mit einer Person zusammen zu arbeiten, die hauptberuflich Lektorat anbietet. Ein Traum geht in Erfüllung.

 

Wie (und wie oft und wie lang) editierst und revisionierst Du Dein Manuskript, bevor Du es herzeigst? Einmal? Siebenmal? Zwölfmal? 

 

Das ist immer unterschiedlich, aber grundsätzlich schreibe ich „community-style“ – das heißt, ich habe keine Scheu, meine Ideen Anderen zu zeigen, auch wenn sie nicht völlig ausgereift sind. Ich brauche das Feedback sogar. Synchronicity wurde ziemlich zeitgleich geschrieben (von mir) und gelesen (von Freund_innen und Familie), da ich die Geschichte als Adventskalender rausgeschickt habe. Ich habe danach, glaube ich, noch zweimal an der Geschichte geschliffen.

 

Hast du schon mal nachdem du eine Geschichte geschrieben hattest, so daran herum-editiert, dass sie sich stark verändert hat? 

 

Nein, dass ist mir noch nie passiert. Manchmal lese ich Sachen und denke: „Oh – das würde ich jetzt anders formulieren oder zu Ende bringen wollen“, aber ich sehe alles als Lernprozess. Ich versuche einfach, es das nächste mal besser zu machen. Ich experimentiere gerne und bin ziemlich ungeduldig. Daher ist es wahrscheinlicher, dass ich Sachen anfange und liegen lasse, als dass ich sie beende und dann verändere.

 

Kann dieses Interview bitte nie aufhören?

Äh.. was meinst du genau mit dem Wort „nie“?

 

Kann ich in ein paar Wochen mit noch 35 weiteren Fragen kommen? Wir haben nicht so viele Publizistinnenprofisisters in Deutschland, weißt Du?

Ich mag dich sehr Noah, aber… Na gut… weil du es bist :-*

 


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