Ca. 6000 Leute in der Color-Line Arena – und nach einer guten halben Stunde die Erkenntnis: es sind ausser mir nur Weisse da! Normal ist das nicht. Anscheinend funktionieren die Klischees und unausgesprochenen Zuordnungen der Musikrichtungen zu Hautfarben tatsächlich bestens.
Wahrscheinlich seit der unreflektierten Übernahme des segregierenden Ami-Begriffes “Black Music”. Pop, Rock und Punk sind immer noch “weiß” (da möchte man auch gar nicht daran erinnern, wo die Mucke ursprünglich herkommt – empfehle dazu die Lyrics zu lesen des Songs “Hail Hail Rock’n Roll” von Garland Jeffreys, z.B. auf lyricswiki.org). Albern finde ich das. Denn ich bin obwohl ich Schwarz bin nicht etwa in der Gospelkirche sozialisiert worden, sondern – wie viele tausende andere auch- in Oberbayern. Wir haben als Kids bei Geburtstagen und später im Skilager alle die selbe doofe Chart-Musik gehört. Woher also der Effekt, dass wir später verschiedene Musikstile annehmen?
Anscheinend trennen sich die musikalische-Vorlieben-Wege deutscher Jugendlicher erst später, wenn man “rebelliert” und den Musikgeschmack auch als Ausdruck der Persönlichkeit benutzt. Dann zieht es die Mehrzahl der Schwarzen Kids zu HipHop, Dancehall usw. Warum bloß? Weil das der “vorgeschriebene” Weg ist? Die Weißen hören doch auch das, was ihnen passt, ungeachtet ihrer „roots“, und rennen in Pimpklamotten rum…
Dass wir in die für uns “vorgesehene” musikalische Richtung gedrängelt werden, ist unumstritten. Aber dass es auch funktioniert, finde ich ein bisschen unheimlich.
Wieviele schwarze deutsche Punk und Rock-Acts kennt Ihr? Ich: höchstens 5. Als schwarze Rock- und Punk-Sängerin stosse ich oft an diese unsichtbaren Grenzen, die es nur für unsereins zu geben scheint. Man fragt mich beispielsweise ganz offen, warum ich “keinen Soul” singen würde. Oder warum „kein Funk in meinem Rock“ vorkäme. Und bedeutet mir, dass man es bizarr findet, dass ich nicht der „black music“ zuzuordnen sei. Hier nur mal am Rande: warum gibt es „black“ und „latino-„ music aber keine „white music“?
Das ganze Genre stammt nicht von Weissen, aber seit Angedenken ordnen sie den anderen ihre Schubladen zu, und heute hinterfragt das kaum mehr jemand. Dass sie für sich selbst keine Schublade haben, sondern sich zur Norm erheben – von etwas, was sie mit Verlaub nicht gerade erfunden haben- ist nicht nur angesichts der Zusammensetzung und Historie der USA erstaunlich. Schwarze KünstlerInnen, die sich aus ihrer Schublade herausbewegen wollen, werden –auch in den USA- ignoriert und als „nicht stimmig“ von der Industrie abgewiesen. Viele spannende Interviews und Erfahrungsberichte dazu gibt es übrigens in dem Film (und auf der website) AFROPUNK.com. Weisse KünstlerInnen „dürfen“ jede Musikrichtung machen, die sie wollen, und den dollsten Support erhoffen, wenn sie sich auf klassischem „black music“-Terrain tummeln. EMINEM, Tom Jones, usw – und mal ehrlich: Joss Stone kann gut singen, aber ich kenne ca 50 Mädels in demselben Alter, die das besser können –die sind alle schwarz und wohnen in Brooklyn und ihre Eltern lachen sich tot, wenn sie hören, dass das in England große Vokalkunst genannt wird. Ich finde, dass die genannten KünstlerInnen unbedingt die Musik machen können sollen, auf die sie gerade Bock haben! Ihnen entsteht gar kein Vorwurf. Ich finde nur gleichzeitig, dass KünstlerInnen aller anderen Hautfarben nicht durch’s Raster fallen sollen, wenn sie ihre pseudo-ethno-spezifischen Pfade nicht einschlagen.
Der Sänger der britischen Band Bloc Party hat übrigens erfreulicherweise in einem Interview gesagt, er habe die Schnauze voll davon, dass seine Hautfarbe immer als erstes in Artikeln über die Band thematisiert wird – weil das bei Weissen ja auch keiner täte und alle sich so benehmen als würde man wegen seiner Farbe eine bestimmte Musikrichtung machen müssen. Das fand ich toll. Mein Musikredakteur hat mir daraufhin das Album zum Durchhören ausgeliehen – mit der Press-Info- Überschrift „exotische UK Alternative Band mit schwarzem Sänger“. Wenn das nicht traurig wäre, wäre es schon fast komisch. Dem Sänger von Bloc Party hört anscheinend nicht mal jemand zu, wenn er drei Platinplatten hat. Warum?

übrigens habe ich auf die ticket-werbung zu diesem eintrag keinen einfluss und finde sie zu dem thema eine dufte online-Ironie.
Wie lange dauert denn der Abgrenzungsprozeß, die Rebellion der Jugendlichen? Untersuchungen zufolge doch nur um die drei bis vier Jahre. Und plötzlich gibt es wieder Tendenzen den Spuren der Eltern zu folgen. Das gilt für Konsumverhalten gleichermaßen wie für den Geschmack. Bloss, daß der Jürgen Marcus von Damals, Heute Ronan Keating und Papas VW Passat nun Sharan heißt.
Sozialisation spielt meiner Ansicht also eine entscheidende Rolle.
Damit einhergehend aber auch die musikalische Ausbildung. Je mehr Kinder von Ihren Eltern, der Schule oder anderen Institutionen motiviert werden, sich mit Musik jenseits des gängigen Radio-Mainstreams auseinander zu setzen oder sie zu erlernen, desto offener -vielleicht sogar vielseitiger- werden sie bei der eigenen Geschmacksfindung.
Warum schwarze Musiker außerhalb der Klischee-begrenzten Genres selten erflogreich werden, ist wahrscheinlich nicht unwesentlich von der Musikindustrie abhängig. Die oberste Prämisse zieht: Angebot und Nachfrage – und beide sind (offenbar zu?)gering. Und: die Risikobereitschaft der (großen) Labels etwas Neues auszuprobieren ist doch eher mangelhaft. Gegen die Erwartungen der Kundschaft geht man nicht vor.
Mal sehen, welche Perspektiven das Internet mit seinen Selbstvermarktungsmöglichkeiten insgesamt eröffnet.
Komischerweise funktioniert dies umgekehrt in der Tat schon seit Jahrzehnten sehr gut- selbst die Rolling Stones starteten einst Ihre Karriere mit Coverversionen schwarzer 50/40er Jahre Künstler.
Das die Hautfarbe speziell bei schwarzen Künstlern in Ankündigungen betont wird, hängt natürlich (auch) mit Simplifizierung zusammen. Die angesprochene Schublade wird mit einem Attribut geöffnet, die klischee-gerechte Zuordnung gelingt so leicht, weil die Leser-bzw. Hörerschaft in gleichen Schubladeninhalten denkt.
Da führt derzeit kein Weg zurück, es sei denn man ist ihn noch gar nicht gegangen.
ES IST SCHON SCHADE MAN MUSS SICH JA REGELRECHT SCHÄMEN WENN MAN ALS SCHWARZE FRAU AUCH ANDERE MUSIK RICHTUNGEN MAG AUßER HIP-HOP UND CO. NICHT NUR VON WEIßEN MENSCHEN ABER AUCH INSBESONDERE VON SCHWARZEN WIRD MAN DANN ALS NICHT “SCHWARZ GENUG” ANGESEHEN.
WIR HABEN 2009 JEDER SOLLTE DAS hören DÜRFEN WAS ER MÖCHTE UND NICHT WAS ER MUSS (BEZOGEN AUF DAS WAS DIE GESELLSCHAFT EINEN AUFZWINGT) NEE